Dass wir unmittelbar hören, ist angesichts des komplexen Weges einer Schallwelle vom Ohr zum Gehirn ein Wunder. Geborgenheit schenkt die Gewissheit: Der das Ohr gepflanzt hat, hört auch.
Karin Bauer
10. April 2026

Klingelt uns am Morgen der Wecker aus dem Schlaf, erreichen uns seine Schallwellen über schwingende Luftmoleküle. Sie treffen mit einer Geschwindigkeit von ca. 343,46 m/s auf die Ohrmuscheln. Die Molekülschwingungen werden durch mehrere Ohrräume geleitet, ehe sie transformiert als elektrisches Signal das Gehirn erreichen. Von der Ohrmuschel bis zur Wahrnehmung, dass der Wecker klingelt, ist es ein weiter Weg. Dennoch hören wir unmittelbar. Das ist ein Wunder.

Die Ohren nehmen ununterbrochen Schallwellen aus der Luft auf. Dabei sind die Schallereignisse, die uns umgeben, sehr vielfältig. Das macht ein kleiner Selbstversuch deutlich: still sein und lauschen. In diesem Moment höre ich das Rauschen der Heizung, das leise Summen des PCs, draussen startet ein Auto und wenn ich mich noch mehr darauf einlasse, kann ich meine Atmung hören. Solche Schallereignisse definieren wir als Geräusch. Ein Schallereignis anderer Art sind Klänge. Diese nehmen wir nicht nur im Fall von Musik wahr, auch manche Tierstimmen oder Elemente der menschlichen Sprachen sind klanghaft.

Bewusstes Lenken

Der Hörsinn kann die verschiedenen Ereignisse voneinander differenzieren und damit die Schallquelle entschlüsseln. Dabei ist jedes einzelne Geräusch und jeder Klang eine Mischung aus verschiedenen Frequenzen. Zeitgleich treffen Frequenzcocktails aus verschiedenen Schallquellen ein. Reden in einem Raum mehrere Personen gleichzeitig, so ist es möglich, sich inmitten des Stimmenwirrwarrs auf eine Stimme zu fokussieren, während die anderen in den Hintergrund rücken. Das Hören kann also bewusst gelenkt werden. Aber auch ohne unsere bewusste Steuerung filtert das Gehör Frequenzen. Beim Schrei­ben stört mich zum Beispiel das Rauschen der Heizung und das Summen des PCs nicht. Beides tritt in den Hintergrund, obwohl es stetig da ist. Würde das ruhige Summen des PCs jetzt aber in ein Rattern umschalten, wäre ich sofort alarmiert.

Während die einen Schallereignisse «überhört» werden, unterbrechen andere den Denkvorgang. Wir hören allerdings nicht nur, dass etwas geschieht und was geschieht, sondern auch, wo etwas geschieht. Da der Hörsinn die Schallquellen auch örtlich zuordnen kann, ist er ein wichtiger Baustein der räumlichen Orientierung. Übertroffen werden die auditiven Fähigkeiten noch dadurch, dass komplexe Inhalte von Musik und Sprache decodiert werden können. Die menschlichen Sprachen enthalten eine fast unbegrenzte Variabilität an Geräuschen und Klängen. Mit der Sprache übermitteln wir komplexe Informationen via Schallsignal1. Beim Hören von Gesang kommt zu den Elementen der Sprache noch eine erweiterte Tonhöheninformation hinzu. Eine Klang-Geräusch-Melange trifft im menschlichen Ohr auf eine da­rauf abgestimmte Sensorik, die wie der Schlüssel zum Schloss passt. Bei der näheren Betrachtung der Instanzen unseres Hörsinns begleiten wir exemplarisch den Weg einer Schallwelle. Dabei geschehen viele der beschriebenen Vorgänge häufig zeitgleich und sich überlagernd.

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