
Zum Gemälde «Die Schachspieler» von Friedrich Retzsch wird folgende Geschichte erzählt: Ein Schachmeister schlenderte einmal durch eine Kunstgalerie. An manchen Bildern ging er nur vorüber und überflog sie nebenbei. Vor anderen Bildern blieb er stehen und fragte sich, was der Künstler wohl damit ausdrücken wollte. Aber dieses Gemälde fesselte ihn. Der Teufel fragte mit seinem Blick: «Schon kapiert? Schachmatt!» Der junge Mann starrte traurig aufs Brett.
Viele Menschen fühlen sich so chancenlos wie dieser junge Mann: vom Teufel schachmatt gesetzt. Sie sind von den allabendlichen Nachrichten wie gelähmt, die sich wie Blei an ihr Gemüt gehängt haben. Oder sie haben sich heillos mit Freunden, Verwandten oder mit dem Ehepartner zerstritten, und jeder Versuch, sich zu versöhnen, ist gescheitert. Andere haben sich mit Abhängigkeiten belastet und können aus diesem Verhaltensmuster nicht ausbrechen.
Dein Feind hat sich geirrt
Der Schachmeister studierte also das Bild und sah sich die Stellung der Schachfiguren genauer an. Der Mann vom Fach erkannte sofort: Da stimmt etwas nicht. Er suchte den Kurator der Galerie auf, bat um die Telefonnummer des Malers und rief diesen an. Sie vereinbarten ein Treffen in der Galerie. Zum Termin brachte der Schachmeister ein Schachbrett und Figuren mit und stellte die Partie genau so auf, wie der Künstler sie auf dem Gemälde dargestellt hatte. Dann sagte er: «Etwas stimmt nicht mit Ihrem Gemälde.» Als der Maler fragte, was das denn sein könne, antwortete der Schachmeister: «Sie wollen ausdrücken, dass der junge Mann schachmatt ist. Das setzt aber voraus, dass der junge Mann keinen Zug mehr machen kann.» Er nahm den König des jungen Mannes und zog ihn langsam auf ein anderes Feld. «Jetzt ist der Teufel schachmatt.» Dann schaute er den jungen Mann auf dem Bild an und sagte, als könnte er mit ihm reden: «Junger Mann, dein Feind hat sich geirrt. Du musst nicht verlieren. Du kannst gewinnen.»
Diese Situation ist ein gutes Gleichnis für alles, was mit Karfreitag und Ostern geschehen ist. Als unser Herr Jesus am Kreuz starb, sah es so aus, als hätte der Teufel ihn schachmatt gesetzt. Die Wirkung auf die Anhänger von Jesus war niederschmetternd. Jesus war ihr Hoffnungsträger gewesen. Sie hatten aus seinem Mund die Botschaft vom Reich Gottes gehört. Sie hatten gesehen, wie er Kranke heilte, Besessene befreite und den Sturm auf dem See Genezareth gestillt hatte. Seine Liebe hatte sie so stark durchdrungen, dass Petrus aussprechen konnte, was sie alle gefühlt hatten: «Wir haben geglaubt und erkannt, dass du Christus, der Gesalbte, der versprochene Messias Gottes bist.» Das hiess für sie: Römer raus! Und mit dem Volk am Palmsonntag jubelten sie: «Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!» (Joh. 12,13). Doch statt auf den Thron zu steigen, wurde er ans Kreuz geschlagen.
Alle waren am Boden zerstört, ihre Hoffnung war mit Jesus begraben. Enttäuschte Gläubige. Aus der Traum! Ihre Herzen – kalt. Alles sah tatsächlich so aus, als hätte der Teufel Jesus und mit ihm seine Nachfolger schachmatt gesetzt. Doch dann stellt sich heraus: das Gegenteil ist wahr. Jesus hat noch einen Zug: Er ist am dritten Tag auferstanden! Damit hat Jesus den Teufel endgültig schachmatt gesetzt. Was wie seine Niederlage aussah, entpuppte sich als sein Sieg. Nur so ist zu verstehen, dass der Apostel Paulus später schreibt: «Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? (…) Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!» (1. Kor. 15,54b–55.57).
Diesen Durchbruch von Resignation zu Siegesfreude beschreibt eine Begegnung besonders eindrücklich, von der wir bei Lukas in Kapitel 24 lesen.
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