Stressfrei zu leben ist für viele erstrebenswert. Denn: Stress hat negative Folgen für Körper und Psyche. Oft hausgemacht, finden wir in der Bibel eine wichtige Anleitung im Umgang damit.
Dr. med. Matthias Klaus
6. März 2026

Im Bett liegen bleiben, eine Tasse Kaffee, nur ich allein und mein Netflix. Das scheint für viele ein Traum und ein lohnenswertes Ziel zu sein. Manfred Siebald formulierte das bereits 2004 in einem Lied mit einer gewissen Ironie: «Morgenmantelmorgen, die Zeitung auf den Knien, im Kaffeeduft versinkt der Traum der Nacht. Weil weiter nichts zu tun ist, gehe ich hinab zum See, der Bootsmann schrubbt die Planken meiner Yacht. Ein Schwätzchen mit dem Gärtner, der uns den Rasen pflegt, die Sonne lümmelt faul am Horizont. Ein Gang zu unseren Pferden, ein Anruf bei der Bank. Die Aktienkurse steigen wie gewohnt.» So geht es Strophe für Strophe. Ein schwereloses, sorgenfreies Leben.

Sorgen und Gedanken …

Bei uns sieht es häufig ganz anders aus. Wir leben meistens nicht im Morgenmantelmorgen, sondern im Stress. Und es gibt Faktoren, die wir nicht verändern können. Erkrankungen, Konflikte oder gewisse Lebenssituationen. Aber es gibt auch vieles, das wir selbst beeinflussen können. Der Medienkonsum und unsere Gedanken zum Beispiel. Tatsächlich sind es am häufigsten unsere Gedanken, die Stress verursachen. Den «Lärm der Seele», wie ich ihn im Folgenden bezeichnen werde. Er ist oft sehr laut und äussert sich in Gedanken wie: Wenn meine Frau mich doch nur verstehen würde, oder mir Menschen mehr Anerkennung entgegenbringen würden, oder wenn ich mehr Geld hätte, mehr Freiheit, mehr Zeit oder keine Schmerzen mehr – dann wäre ich glücklich. Oder die «Ich-habe-ein-Recht-auf»-Gedanken: Ein Recht auf ein beschwerdefreies Leben, auf Unterhaltung, Entspannung oder Anerkennung. So knüpfen wir unsere Zufriedenheit oft an Bedingungen. Und solange diese nicht erfüllt sind, sehen wir uns im Recht, unzufrieden und gestresst zu sein.

Dann gibt es Sorgen. Was, wenn die Kopfschmerzen tatsächlich von einem Hirntumor kommen? Was, wenn mein Kind auf die schiefe Bahn gerät? Was, wenn ich meinen Job verliere? Sorgen sind ein Ausdruck davon, dass ich die Zukunft gerne beherrschen und bestimmen will. Jesus fragt rhetorisch: «Wer aber von euch kann durch sein Sorgen zu seiner Lebenslänge eine einzige Elle hinzusetzen?» (Matth. 6,27).

Verstetigt sich der Lärm der Seele über eine längere Zeit, wird unser Körper in Mitleidenschaft gezogen. Sorgengedanken versetzen unseren Körper in Alarmbereitschaft. Alarm bedeutet Gefahr. Und darauf reagiert der Körper, indem er Stresshormone ausschüttet. Doch das Problem an Sorgen ist, dass sie keine reale Gefahr sind. Der Körper aber kann nicht unterscheiden, ob die Welt meiner Gedanken real ist oder nicht und spult sowohl bei realen als auch bei fiktiven Gefahren dasselbe Gefahr-in-Verzug-Programm ab.

Das zweite Problem ist, dass Sorgengedanken im Gegensatz zu einer akuten Stressreaktion nicht einmalig auftreten. Und im Unterschied zu einer akuten Stressreaktion sind die Auswirkungen eines chronischen Stresses anhaltend. Das hat weitreichende Folgen. Es kommt zu einer inneren Unruhe, teilweise zu Panikattacken, zu Schlaflosigkeit und zu weiteren körperlichen Beschwerden wie Bluthochdruck, Risikoanfälligkeit für Herzinfarkte, Schlaganfälle, Darmerkrankungen und vieles weitere.

Sackgasse Selfcare

Gibt es einen Ausweg aus diesem Kreislauf? Wenn Sie mit einem dieser Symptome zum Arzt gehen, werden Sie meist enttäuscht. Warum? Nun, der Schlafmediziner wird sich nur die Schlafstörungen angucken. Der Magendarmarzt nur den Darm, der Neurologe nur die Kopfschmerzen. Konzentrationsschwierigkeiten lassen sich meist schwer messen und das Gedankenkreisen kann vielleicht durch Medikamente etwas gemildert, aber nicht behoben werden.

Ärzte und Psychiater sind geschult, den Körper und die seelischen Leiden zu behandeln. Aber sie können Sorgen nicht auflösen und Gedankenstrukturen nicht verändern. Sie behandeln Symptome. Die Ursache bleibt unbehandelt. Ihre Antwort auf den enormen Anstieg an psychischen Erkrankungen sowie von Angst, Depressionen und Einsamkeit ist Achtsamkeit, Sport und Entspannungsübungen. Ziel ist es, die tägliche Widerstandsfähigkeit zu stärken. Die mentale Gesundheit wird in den Mittelpunkt gestellt. Ihre Lösung: Ich soll meine eigenen Interessen in den Vordergrund stellen, ein wenig meditieren, Achtsamkeitsübungen machen. Sport ist auch nicht schlecht, Zeit für mich, genügend Ruhepausen. Doch die Folge ist ein Leben nach dem Lustprinzip. Ich bin der Massstab und entscheide, was mir gut tut.

Es gibt einen Mann in der Bibel, der «Selfcare» umfassend betrieben hat: König Salomo. Im Buch Prediger entfaltet er im zweiten Kapitel, worin er sich sehr erfolgreich versucht hat. Er war Bauherr, Landschaftsgestalter, Lebensmittelproduzent, Unternehmer und Arbeitgeber. Er war Viehzüchter, Bankier, ein Geniesser und Förderer der schönen Künste. Und er umgab sich mit ausgesucht schönen und sehr vielen Frauen. Er war politisch mächtig und genoss Ansehen und Bewunderung. Doch sein Fazit lautete nicht: «Jetzt habe ich ein erfülltes Leben», sondern: «Es ist alles Eitelkeit und ein Haschen nach Wind».

Er hatte alles, was aus der Sicht eines Mannes ein erfolgreiches Leben ausmacht: Einfluss, Macht, Frauen und Besitz. Und trotzdem war er nicht glücklich. Woran lag das? «Das Auge sieht sich nicht satt und das Ohr hört nie genug» (Pred. 1,8). Das ist die Erfahrung, die wir machen, wenn wir uns selbst in den Mittelpunkt stellen. Ein Konzert macht nicht glücklich, sondern Lust auf mehr. Leckeres Essen befriedigt nur kurzzeitig, der Hunger kehrt zurück. Auch Kleider und Einrichtungsgegenstände sind oft nur eine Saison lang «in».

Der Mensch ist nicht dazu gemacht, sich um sich selbst zu drehen und seine eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen. Er wird nie vollends zufrieden sein. Wer so lebt, lässt den aussen vor, der uns und unsere Seele gemacht hat. Deswegen müssen wir einen Schritt zurücktreten und nicht fragen, wie wir stressfrei leben können, sondern was das eigentliche Ziel unseres Lebens ist.

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