Eine Teerunde am Sonntagnachmittag? Nicht ganz die Sache eines Jugendlichen. Was ihn – und wenig später alle – in den Bann zieht, ist klein und wundersam zugleich: eine Springspinne.
Matthias Mross
16. Januar 2026

Es ist Sonntagnachmittag. Wir sitzen auf der Gartenterrasse, schlürfen Tee und reden über Gott und die Welt. Mein jugendlicher Neffe beteiligt sich nicht daran. Er blickt zu Boden, und wer ihn anspricht, bekommt nur eine knappe Antwort. Doch plötzlich ruft er: «Seht, was ich habe!» Freudestrahlend streckt er mir die Hände entgegen, zwischen denen sich sein Fund verbirgt. Langsam gibt er den Blick frei. Es ist eine Springspinne. Ich bin sofort Feuer und Flamme. Schon immer wollte ich so ein Tier genauer betrachten, jetzt bekomme ich eines direkt unter die Nase gehalten. «Gib mal her!», bitte ich. In einem Trinkglas transportiere ich den Gliederfüsser aus dem Schatten ins helle Sonnenlicht. «Nicht zerquetschen!», ruft mir meine Frau nach, «und auch nicht aufspiessen für deine Insektensammlung!»

«Das ist kein Insekt», antworte ich. Aus meiner Tasche ziehe ich eine Lupe und betrachte die Spinne. Am ganzen Körper, einschliesslich Beinen und Tastern, ist sie behaart. Den Rücken ziert ein schwarzbraunes, gezacktes Muster, das Gesicht ist leicht rötlich. Daraus blicken zwei auffällig grosse Augen – typische Springspinnenaugen, die wie Scheinwerfer starr nach vorne gerichtet sind. Dank des Makroobjektivs meiner Kamera kann ich ein paar passable Fotos schiessen. Dann entlasse ich unseren Gast wieder in die Natur.

«Schaut her!» Auf dem Kameradisplay zeige ich der Teegesellschaft das herangezoomte Spinnengesicht. «Das muss eine Rindenspringspinne sein – genau genommen ein Weibchen dieser Art.» Alle sind beeindruckt und können kaum glauben, dass diese Augen zu dem winzigen Ding gehören, das niemand ausser meinem Neffen bemerkt hat. Das sonntägliche Gespräch bekommt sogleich eine andere Richtung. Viele wissen von mehr oder weniger angenehmen Begegnungen mit Spinnen zu berichten. Die Achtbeiner führen uns zu den Sechsbeinern, zu Käfern, Libellen und Schmetterlingen. Danach betreten seltene Vögel die Bühne, dann Biber, Tintenfische und sogar eine Wechselkröte. In Worten, hier und da unterstützt von Fotos aus den Smartphones, durchschweifen wir weite Teile von Gottes Schöpfung.

Grossartige Augen

Als ich am Abend wieder alleine bin, zieht es mich zurück zur Springspinne. Nochmals betrachte ich ihr Porträt. Was hat es nur mit diesen aussergewöhnlichen Augen auf sich? Wohin in aller Welt blicken sie? Was spielt sich in ihnen ab?

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