Moderne Wissenschaft entstand bereits im christlichen Mittelalter, dem Weg­bereiter grosser Entdeckungen. Der heute dominierende Materialismus hingegen hemmt die Wahrheitsfindung.
Dr. Peter Borger
19. März 2026

Die westliche Kultur versteht sich bis heute als Erbin der klassischen Antike – nicht nur in Philosophie, Politik und Kunst, sondern auch im Anspruch, die Welt wissenschaftlich zu erfassen. Die Philosophen des alten Griechenlands suchten die Wirklichkeit vor allem durch Denken, Mathematik und Argumentation zu begreifen. Sie vollbrachten dadurch zwar beeindruckende Leistungen in Geometrie, Astronomie und Logik, doch es entstand daraus keine Wissenschaft im modernen Sinn – kein systematisches Erforschen der Natur durch gezieltes Experimentieren, Messen und Aufspüren allgemeiner Naturgesetze. Dies lag nicht an mangelnder Intelligenz oder fehlender technischer Fähigkeit, sondern an grundlegenden weltanschaulichen Prinzipien. Erkenntnis galt als Frucht der Kontemplation, dem reinen Nachdenken über die Wahrheit und das Wesen der Dinge. Handwerkliche Tätigkeiten, Messungen und Versuche wurden sozial abgewertet und vom philosophischen Denken getrennt.

Zudem verstand man die Natur nicht als gesetzmässig strukturiertes Ganzes, das überall nach denselben Regeln funktioniert, sondern als von Zwecken, Wesensheiten und lokalen Ordnungen geprägt. Aus diesem Grund erschien es wenig sinnvoll, durch künstlich herbeigeführte Versuche allgemeine, orts- und zeitunabhängige Gesetze entdecken zu wollen. Präzise Beobachtung führte selten dazu, dass daraus universelle Naturgesetze formuliert worden wären, und so blieb selbst hochentwickelte Technik jeweils ohne theoretische Verallgemeinerung, wie zum Beispiel der Antikythera-Computer, ein handbetriebenes Gerät zur Vorhersage astronomischer Positionen von Sonne, Mond und Planeten, oder die Automaten von Heron, die mit Gewichten sowie Luft-, Wasser- und Dampfdruck Bewegungen erzeugten. Erst als sich ein neues Verständnis der Natur als rational geordnete, verlässliche Wirklichkeit durchzusetzen begann, entstand jene Verbindung von Theorie und Experiment, die wir heute Wissenschaft nennen. Dieses neue Naturverständnis entstand im christlichen Mittelalter.

Geistiger Reifeprozess

Die Entstehung der modernen Wissenschaft war kein plötzlicher Bruch, sondern das Ergebnis eines langen geistigen Reifeprozesses im christlichen Mittelalter. Wissenschaft im modernen Sinn ist weder reine Philosophie noch blosse Technik. Sie ist ein methodisches Verfahren, bei dem theoretische Annahmen durch systematische Beobachtung, Messung und wiederholbare Experimente geprüft werden mit dem Ziel, allgemeine und verlässliche Naturgesetze zu formulieren. Dabei spielten besonders Robert Grosseteste (ca. 1175–1253) und Roger Bacon (ca. 1214–1294) eine zentrale Rolle. Grosseteste, Bischof von Lincoln, legte grossen Wert auf Beobachtung und Experiment als Grundlage des Wissens. Bacon, ein Franziskaner-Mönch, war einer der ersten, der die Bedeutung von Experimenten und empirischer Überprüfung systematisch hervorhob. Beide verbanden ihre wissenschaftlichen Arbeiten eng mit ihrem christlichen Glauben.

Die durch die biblische Schöpfungslehre motivierten Wissenschaftler wussten, dass die Natur festen Gesetzen folgt. Sie betrachteten die Schöpfung als Spiegel Gottes, dessen Ordnung und Beständigkeit erforschbar war. Dies gab der Naturwissenschaft eine theologische Legitimation: Die Erforschung der Schöpfung war ein angemessener und ehrenvoller Weg, Wissen zu gewinnen. Dieses neue Verständnis bedeutete keine Abkehr vom griechischen Denken, sondern dessen Neuordnung:

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