Studien zeigen: Christen haben die höchste Lebens­­qualität. Trotzdem ist das Christentum im Westen seit Jahrzehnten auf dem Rückzug. Wir sind gefordert, die Relevanz unseres Glaubens darzulegen.
Nicola Liebi
26. Dezember 2025

Die gesellschaftliche Rolle von Religion und insbesondere des christlichen Glaubens verändert sich weltweit – auch in der Schweiz. Aktuelle Studien, wie die «State of the Bible USA 2025» der American Bible Society und die «Patmos World Bible Attitudes Survey» von Gallup, zeichnen ein differenziertes Bild über den Wandel in Glaubensüberzeugungen, religiöser Praxis und der Relevanz der Bibel. Obwohl sich diese Erhebungen teilweise auf die USA oder neben der Schweiz auch auf andere Länder konzentrieren, ermöglichen ergänzende Daten des Bundesamts für Statistik eine Einordnung und Spiegelung dieser Entwicklungen im Schweizer Kontext.

Auf dem Rückzug

Betrachten wir zuerst die aktuellen Trends in der Schweiz. Der Anteil der Menschen, die sich einer Religionsgemeinschaft zugehörig zählen, ist in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich zurückgegangen.1 Die Anteile der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Landeskirchen haben sich zwischen 2000 und 2023 von 76.2 auf 50.2 Prozent reduziert. Das ist ein Rückgang um 26 Prozent. Der Anteil anderer christlicher Glaubensgemeinschaften hat sich lediglich von 4.3 auf 5.8 Prozent erhöht. Gleichzeitig ist der Anteil der Personen ohne Religionszugehörigkeit von 11.4 auf 35.6 Prozent gestiegen – ein Zuwachs von über 24 Prozent.

Als Gründe für das Aufgeben der Religion nennen die betroffenen Personen am häufigsten den Verlust des Glaubens (28 Prozent) oder die Ablehnung von Aussagen ihrer Religionsgemeinschaft (26 Prozent).2 Das weist auf eine wachsende Diskrepanz zwischen persönlichen Überzeugungen und der Wahrnehmung kirchlicher Institutionen hin.

Trotz dieses Trends erscheint die Existenz eines höheren Wesens weiterhin plausibel. Rund 61 Prozent der Befragten glauben an einen einzigen Gott, mehrere Götter oder zumindest eine höhere Macht – verglichen mit 71.9 Prozent im Jahr 2014.3 Das entspricht einem Rückgang von über 10 Prozent.

Dieser Rückgang ist ein Zeichen zunehmender Säkularisierung. Gleichzeitig steht er im Kontrast zu den philosophischen Argumenten für die Existenz Gottes, die an angelsächsischen Universitäten seit mehreren Jahrzehnten zunehmend Beachtung und Befürworter finden. Besonders erwähnenswert ist hier das Werk «Two Dozen (or so) Arguments for God: The Plantinga Project», erschienen bei Oxford University Press, in dem über zwei Dutzend Argumente für Gottes Existenz dargelegt werden. Gerade in der Schweiz besteht ein grosser Bedarf, sich wieder vertieft mit der Existenz Gottes auseinanderzusetzen.

Die «State of the Bible»-Studie zeigt: 53 Prozent der Befragten in der Schweiz empfinden die Bibel nicht als persönlich relevant.4 In der Schweiz und in ähnlichen säkularisierten Ländern, sind die häufigsten Gründe dafür der fehlende Glaube an Gott oder ein höheres Wesen (31 Prozent) sowie die Überzeugung, dass Religion für sie keine Relevanz habe (20 Prozent).5

Hinsichtlich der Relevanz stellt sich die Frage, warum Religion für viele keine Bedeutung (mehr) hat. Christen sind hier besonders herausgefordert, die Relevanz ihres Glaubens klarer und überzeugender zu vermitteln. Besonders bemerkenswert: Nur 37 Prozent der Befragten, die mindestens mehrmals jährlich einen Gottesdienst besuchen, geben an, dass ihre Kirchenleitung sie ermutigt, die Bibel zu lesen.6 Für die Schweiz liegen mir aktuell keine konkreten Daten zur Häufigkeit des Bibellesens vor. Wenn sich jedoch ähnliche Trends wie in den USA zeigen, gibt es auch hier einen Rückgang. Fällt es uns Christen vielleicht schwer, die Relevanz unseres Glaubens zu erklären, weil wir sie selbst kaum noch verstehen? Liegt es womöglich daran, dass die Bibel kaum noch gelesen wird?

1    Bundesamt für Statistik (BFS), «Religionen – Bevölkerung nach Religionszugehörigkeit», Zugriff am 31. Juli 2025, https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/sprachen-religionen/religionen.html.
2    Bundesamt für Statistik (BFS), Religion und Spiritualität in der Schweiz: Ergebnisse der Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur 2024 (Neuchâtel: Bundesamt für Statistik, 2025), S. 5, Zugriff am 31. Juli 2025, https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/sprachen-religionen/religionen.assetdetail.35408039.html.
3    ebd. S. 11
4    American Bible Society, State of the Bible USA 2025 (Philadelphia, PA: American Bible Society, 2025), https://stateofthebible.org, S. 36.
5    ebd. S. 32.

6    ebd. S. 40.

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