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Die vier Lager der gespaltenen deutschen Gesellschaft

Eine neue, repräsentative Studie hat vier Lager in der deutschen Bevölkerung ausgemacht. Trotz ihrer unterschiedlichen Haltungen zu Demokratie und Gerechtigkeit teilen sie das Gefühl, von der Politik übersehen zu werden.

Vier von fünf Deutschen nehmen eine stark gespaltene Gesellschaft wahr. Grob definieren viele diese Spaltung als «rechtes» oder «linkes Lager», als «demokratiefreundlich» oder «demokratiegefährdend». Eine aktuelle, repräsentative Studie unter dem Titel «Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt» (veröffentlicht im September 2026 von der evangelischen Arbeitsstelle midi und der Diakonie Deutschland) zeigt jetzt: Die Lage ist komplexer; die Umfrage hat vier Gesellschaftslager ausgemacht.

 

Eine deutliche Gemeinsamkeit

Die vier Gruppen unterscheiden sich vor allem in ihren konkreten Sorgen, ihrer Haltung zu Demokratie und sozialer Gerechtigkeit sowie im Empfinden, ob die eigene Meinung gesellschaftlich gehört wird. Dennoch gibt es eine deutliche Gemeinsamkeit quer durch das Spektrum: das Gefühl, die Politik kümmere sich nicht um die Belange der Bevölkerung. In den demokratieskeptischen Gruppen sind weniger als vier Prozent der Ansicht, Politiker nähmen sich der Sorgen einfacher Bürgerinnen und Bürger an. Dies sind die vier Grundhaltungen:

  1. Die «Enttäuschten Ungehörten» (24,1 Prozent): Sie stehen Demokratie, Migration und Islamismus kritisch gegenüber, sehen im Rechtsradikalismus keine primäre Bedrohung und stufen die Folgen des Klimawandels als gering ein. Die Gruppe ist tendenziell männlich, in Ostdeutschland überrepräsentiert und weist eine enge parteipolitische Bindung zur AfD auf.
  2. Die «Rundum Verunsicherten» (23,9 Prozent): Sie betrachten die Demokratie ebenfalls skeptisch, sind jedoch parteipolitisch ungebunden und verorten sich politisch eher in der Mitte. Sie äussern grosse Sorgen über gesellschaftliche Fehlentwicklungen, sind eher weiblich und sympathisieren nur zu 11 Prozent mit der AfD.
  3. Die «Progressiven Gerechtigkeitskritiker» (24,2 Prozent): Sie vertrauen den demokratischen Institutionen, üben jedoch deutliche Kritik an sozialer Ungleichheit. Ihre Hauptsorgen gelten dem Rechtsextremismus und der Klimakrise. Ihre parteipolitische Bindung liegt eher bei den Grünen und der SPD.
  4. Die «Vertrauensvoll Wachsamen» (27,9 Prozent): Sie äussern eine hohe Zufriedenheit mit der Demokratie sowie mit dem eigenen Leben. Soziale Ungleichheiten bewerten sie überwiegend als leistungsgerecht und sprechen sich mehrheitlich gegen staatliche Umverteilung aus. Sie wählen tendenziell eher die CDU/CSU.

«Wir müssen anerkennen, dass viele Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, von der Politik übersehen zu werden», erklärt Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch. «Wenn Menschen auf dem Land monatelang auf Arzttermine warten, Züge unzuverlässig fahren oder die Mieten und Energiekosten das Budget sprengen, muss die Bundesregierung das ernst nehmen. Wir brauchen eine Sozialpolitik, die konkrete Lösungen für den Alltag bietet.»

 

 

Leuchttürme in einer zerrissenen Welt

Die Ergebnisse der midi-Studie gewinnen an zusätzlicher Schärfe, wenn man dazu noch an die innerkirchlichen Spaltungen denkt. Genau dort setzt die Kritik des Religionsphilosophen Daniel von Wachter an. Er beklagte in dem Aufsatz «Rechte Christen», dass im kirchlichen Diskurs, insbesondere bei den Landeskirchen, eine vereinfachende Moralisierung stattfindet, bei der wertkonservative Positionen und Bibeltreue vorschnell als «rechts» verunglimpft und pauschal an den Rand gedrängt werden (factum berichtete). Wenn es schon Christen nur schwer gelingt, Geschwister nicht zu verunglimpfen, wie soll dann der Dialog im Säkularen gelingen? Doch genau hier muss angesetzt werden. Wenn Gemeinden anfangen, Ideologien beiseitezuschieben und einander wieder im Geist der biblischen Nächstenliebe begegnen, könnten sie zu den dringend benötigten Leuchttürmen in einer zerrissenen Welt werden. Christen sollten Vorbilder im Dialog werden, statt die Streitigkeiten der säkularen Welt fortzuführen. Als Christen haben wir ein Fundament, das tiefer reicht als gesellschaftliche Gräben und politische Schubladen: das Evangelium von der Erlösung Jesu Christi – und das sollte das Fundament für alle Dialoge sein.

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