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von Dr. Reinhard Junker

Natur

Zufällig da oder erfunden?

Die freie Kombinierbarkeit von Merkmalen bei unterschiedlichen Pflanzen- und Tiergattungen ist in unserer Welt mehr Regel als Ausnahme. Wer bedient sich am Baukasten: Gott oder der Zufall?

In der biologischen Fachliteratur ist in den letzten 20 bis 30 Jahren vermehrt ein überraschender Begriff aufgetaucht: Es ist von einem «Baukasten» (engl. tool kit) die Rede. Durch die verbesserten Möglichkeiten der Erforschung des Erbguts stellte sich überraschenderweise heraus, dass sehr viele wichtige Regulationsgene und Signalmoleküle bei ganz verschieden konstruierten Tiergruppen in gleicher oder sehr ähnlicher Form vorkommen. Carroll (2005, 74) bezeichnet diese Gene als «Toolkit-Gene»; der Werkzeugsatz sei uralt und bereits vor der Evolution der meisten Tierarten vorhanden (Carroll 2005, 79). Einige Jahre zuvor schrieb der Genetiker Francois Jacob (2000): «Die gesamte lebende Welt lässt sich also mit einer Art riesigem Baukasten vergleichen.»

Ein Baukastenprinzip war den Spezialisten schon viel früher auch auf der Ebene der Organismen bekannt. Bis zum frühen 19. Jahrhundert waren «Geflechte, Netze und Karten» in der botanischen Systematik verwendet worden (Roth 1984, 304), was für eine freie Kombinierbarkeit von Merkmalen gleichsam aus einem Baukasten spricht.

Schöpfung oder Evolution?

Machen wir uns die Antwort auf diese Frage anhand eines Gedankenexperiments klar: Stellen Sie sich vor, jemand soll mit verbundenen Augen vom Mittelpunkt eines Sportplatzes ohne Vorgabe eines Zieles 30 Schritte in beliebige Richtungen gehen. Die Richtung darf er dabei bei jedem Schritt ändern. Die Stelle, an der er dann angekommen ist, wird markiert. Anschliessend soll eine zweite Person, die von alledem nichts weiss, in gleicher Weise ziellos ebenfalls 30 Schritte gehen – und kommt genau an derselben Stelle an wie die erste Person. Da kommen Sie ins Grübeln. Spätestens wenn eine dritte Person ohne Vorwissen nach 30 Schritten wieder an demselben Punkt ankommt, glauben Sie nicht an Zufall, sondern vermuten eine unentdeckte Steuerung. Dahinter muss ein Plan stecken.

Eine ähnliche Situation ist sehr oft bei Pflanzen und Tieren anzutreffen. Deren Merkmale sind häufig so unsystematisch verteilt, dass sie nicht widerspruchsfrei in eine Baumdarstellung von Ähnlichkeitsbeziehungen passen. Vielmehr muss man sehr häufig annehmen, dass sie mehrfach unabhängig entstanden sein müssten – laut Evolution aber ohne jede Zielorientierung. Das entspricht dem beschriebenen Blinde-Kuh-Spiel.

Ein typisches Beispiel sind die Schirmchen der Pusteblume des Löwenzahns, an deren unteren Ende eine kleine Frucht hängt. Aufgrund ihrer ausgefeilten Konstruktion sind die Schirmchen sehr gut flugfähig und die Früchte können dadurch wirksam durch den Wind verbreitet werden (siehe Box). Der Löwenzahn gehört zu den Korbblütlern, bei denen viele einzelne kleine Blüten von einem «Korb» aus Hochblättern umgeben sind. Viele Korbblütler-Arten bilden Schirmchen aus, wenn die Früchte reif sind.

Solche Schirmchen gibt es aber erstaunlicherweise auch bei einer ganz anderen Pflanzengattung, dem Baldrian. Diese Gattung gehört zu einer anderen Ordnung im Pflanzenreich und ist in vielerlei Hinsicht den Korbblütlern nicht besonders ähnlich. So sind etwa die Blüten des Baldrians ganz anders gebaut und angeordnet als beim Löwenzahn. Doch bei Fruchtreife bilden sie ebenfalls flugtaugliche Schirmchen in ähnlicher Bauart wie die Schirmchen der Korbblütler. Die gleiche Idee für die Verbreitung von Früchten ist hier verwirklicht, unabhängig von den Schirmchen der Korbblütler.

Was kann man daraus über die Entstehungsweise schliessen?

Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 03/2024

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