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von Dr. Boris Schmidtgall
Unsicherheit neuer Erkenntnisse
Wohl kaum jemand würde bestreiten, dass die etablierte Wissenschaftskultur ein grosser Segen für die Menschheit ist. Zutreffende Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Schöpfung mit ihren regelhaften Prozessen – seien es physikalische Gesetze, das Periodensystem der chemischen Elemente, die Anatomie des Menschen oder Gesetzmässigkeiten der Sprache und Logik – sind für uns unverzichtbar. Sie stellen nicht nur unsere intellektuelle Neugier zufrieden, sie befähigen uns auch, viele Probleme zu lösen, zum Beispiel im Bereich der Technik und Medizin. Die Entstehung der Wissenschaftskultur westlicher Prägung ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte voller staunenswerter Entdeckungen und Erfindungen. Aufgrund ihrer Expertise geniessen Wissenschaftler bis heute hohes Ansehen und Vertrauen bei den Menschen.
Dennoch mehren sich in einigen Bereichen die Zeichen einer ernsthaften Krise der Glaubwürdigkeit der Zunft der Wissenschaftler. Es mangelt nicht an Veröffentlichungen, die eine Vielzahl unerfreulicher Entwicklungen in diesem Bereich dokumentieren. Welche Entwicklungen werden aufgezeigt?
Die Diagnose
Unzuverlässigkeit neu erworbenen Wissens
Auffällig ist die wachsende Unsicherheit neu erworbenen «Wissens». In diesem Kontext ist von der «Reproduzierbarkeitskrise» die Rede. Das bedeutet, dass sich die Resultate, wie sie in Fachzeitschriften beschrieben werden, bei erneuter experimenteller Überprüfung vermehrt nicht wiederholen lassen. Im Jahr 2016 wurden in der wissenschaftlichen Zeitschrift «Nature» die Ergebnisse einer Umfrage über die Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Resultate publiziert.1 Von den 1576 befragten Wissenschaftlern gaben 70 Prozent an, dass ihnen schon einmal Veröffentlichungen untergekommen waren, deren Ergebnisse sich als nicht reproduzierbar erwiesen. 90 Prozent der befragten Wissenschaftler sprachen sich dafür aus, dass es eine «Reproduzierbarkeitskrise» gibt. Darüber hinaus gab über die Hälfte der Befragten zu, dass ihnen sogar mindestens einmal die Wiederholung ihrer eigenen veröffentlichten Resultate nicht gelang.
Nicht reproduzierbare Daten sind in vielen Fällen sicherlich der Komplexität mancher Disziplinen oder ungünstigen Umständen, wie zum Beispiel unentdeckten apparativen Mängeln geschuldet. Doch gelegentlich gibt es auch bewusste Täuschung. Aufsehen erregte ein Fall in Göttingen im Jahr 2009, als eine Gruppe von 16 Biologen versucht hatte, durch falsche Angaben bezüglich des Standes ihrer Arbeit Fördergelder der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Höhe von 8,6 Millionen Euro zu erschleichen.2 Auch kann eine Fälschung wissenschaftlicher Ergebnisse Menschenleben kosten, wie dies im Zusammenhang mit dem Betrug von Paolo Macchiarini geschah, einem Lungenchirurgen, der in den Jahren 2010–2015 an der Universität von Stockholm tätig war. Er gab vor, eine neuartige Methode der Luftröhrentransplantation entwickelt zu haben, deren Anwendung zum Tod einer Patientin führte. Das allerdings sind Ausnahmen.
Zu den häufigeren Vorgängen gehören Plagiate oder fabrizierte Artikel. In den letzten Jahren werden zunehmend neue Arten von Betrugsmethoden zum Einsatz gebracht: vorgetäuschte Gutachten oder pseudowissenschaftliche Artikel, die gegen Bezahlung durch Firmen («Paper Mills») oder durch Einsatz künstlicher Intelligenz produziert wurden. Mengenmässig stellen Betrugsfälle bisher jedoch kein häufiges Phänomen dar. Die Organisation «Retraction Watch» gibt an, dass bisher circa 50 000 zurückgezogene Publikationen bekannt sind.
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 02/2025
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