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von Stefan Frank

Mensch

Um des Bösen willen

Hitler, Stalin und der Terror islamischer Massenmörder: Die böse Tat ist nicht ein Mittel, sondern selbst das Ziel. Gedanken über die Natur des Bösen, 80 Jahre nach dem Beginn des 2. Weltkrieges.

Am 1. September gedachte Europa des 80. Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen. Schreckensherrschaft wie die des Nationalsozialismus ist scheinbar unbegreiflich. Das Böse in totalitären Systemen dient keinen fassbaren Zwecken, sondern wird um seiner selbst willen verübt. Man geht fehl, wenn man bei politischen Massenmördern wie Hitler, Stalin oder Mao die jeweilige Ideologie, die sie selbst angeben, als ihr Motiv ansieht. Die grössten Verbrechen der Menschheitsgeschichte erscheinen uns unverständlich, weil wir gewohnt sind, rationale Beweggründe zu suchen. Bei den grossen Verbrechen der Geschichte wie der Schoah oder den Massenmorden des Kommunismus oder der Französischen Revolution aber ist die böse Tat nicht ein Mittel, sondern selbst das Ziel.

Das Gegenteil anzunehmen, würde zu absurden Folgerungen führen. Waren die, die während der Französischen Revolution Zehntausende Unschuldige ermordeten, «Republikaner», die «Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit» im Sinn hatten und lediglich bei der Wahl der Mittel völlig übertrieben? In der Loire wurden im Winter 1793/94 Tausende Mönche, Nonnen und Kinder ertränkt – «republikanische Taufe» nannten die Mörder das. Keiner von ihnen wird geglaubt haben, dass die Kinder, die da ermordet wurden, für die hohen Steuern, die ungerechten Feudalabgaben und Privilegien der Grundherrn verantwortlich gewesen wären, gegen die das Volk Ende der 1780er-Jahre aufbegehrt hatte.

Arabisch-palästinensische Terrororganisationen wie Fatah und Hamas feiern die Ermordung jüdischer Kinder mit Süs-sigkeiten, als hätten sie gerade ein Fussballspiel gewonnen. Tun sie das, weil der Tod eines Juden sie einem politischen Ziel näherbringt? Nein; der Tod der Juden ist für sie das Ziel.

Glaubte Stalin, Russland zum «Kommunismus» zu führen, indem er Tausende Kommunisten ermordete? Hinter dem Terror von Stalin oder Hitler oder Mao stand moralischer Nihilismus: Töten um des Tötens willen.

All dies zeigt sich deutlich in der Mitschrift einer Ansprache, die Hitler am Vorabend des Zweiten Weltkriegs vor Offizieren der Wehrmacht hielt: «Unsere Stärke ist unsere Schnelligkeit und unsere Brutalität. Dschingis Khan hat Millionen Frauen und Kinder in den Tod gejagt, bewusst und fröhlichen Herzens. Die Geschichte sieht in ihm nur den grossen Staatengründer. Was die schwache westeuropäische Zivilisation über mich behauptet, ist gleichgültig. Ich habe den Befehl gegeben – und ich lasse jeden füsilieren, der auch nur ein Wort der Kritik äussert –, dass das Kriegsziel nicht im Erreichen von bestimmten Linien, sondern in der physischen Vernichtung des Gegners besteht. So habe ich, einstweilen nur im Osten, meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidslos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken. Nur so gewinnen wir den Lebensraum, den wir brauchen. Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier? ... Polen wird entvölkert und mit Deutschen besiedelt. ... Nach Stalins Tod, er ist ein schwerkranker Mann, zerbrechen wir die Sowjet-union. Dann dämmert die deutsche Erdherrschaft herauf ...»

Die «deutsche Erdherrschaft»! Welchen Nutzen könnte das für das deutsche Volk, für dessen Wohl diese angeblich erobert werden sollte, haben? Keinen. Die Logik totalitärer Ideologien – ob Nationalsozialismus, Kommunismus oder radikaler Islam – ist es, das zu erreichende Ziel so weit in die Ferne zu rücken, dass auf dem Weg dorthin möglichst hohe Leichenberge aufgetürmt werden. Bevor die Weltherrschaft nicht errungen ist – ob gegen «feindliche» Völker, gegen die «Bourgeoisie» oder gegen die «Ungläubigen» –, darf das Morden nicht aufhören. «Ein Land nach dem anderen, ein Volk nach dem anderen werden der zugegebenermassen in unendlicher Ferne liegenden, schliesslichen Weltherrschaft geopfert», schreibt die Philosophin Hannah Arendt in ihrer Analyse «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft» (1955 auf Deutsch erschienen).

Was die «Errichtung des Kommunismus» für Stalin war, war der «Lebensraum» (der ein Todesraum war) für Hitler: ein Vorwand, um zu morden. Hitler äussert in seiner Rede Bewunderung für den Massenmord an sich – und nicht etwa für etwaige politische Ziele, die damit verfolgt würden. Das bekräftigt die These von dem Mord als Selbstzweck. Es ist die grösstmögliche Rebellion gegen Gott: Missachtung Seiner Gebote, Vernichtung Seiner Schöpfung, Vernichtung Seines Volkes und der Versuch, sich als «Erdherrscher» an die Stelle Gottes zu erheben.

Im Buch Esther lesen wir von jemandem, der alle Juden ermorden will, dem Wesir Haman. Der scheinbare Anlass: «Als nun Haman sah, dass Mordechai die Knie nicht vor ihm beugte und nicht vor ihm niederfiel, da wurde er mit Wut erfüllt» (Est. 3,5). Was diese Wut mit Haman macht, steht in keinem Verhältnis zu ihrem Anlass: «Doch es war ihm zu wenig, an Mordechai allein Hand zu legen; sondern weil man ihm das Volk Mordechais genannt hatte, trachtete Haman danach, alle Juden im ganzen Königreich des Ahasveros, das Volk Mordechais, zu vertilgen (Est. 3,6). Was für ein Wahnsinn – und uns doch so schrecklich vertraut. Wenige Sätze später erfahren wir mehr über Hamans Hass auf die Juden: «Und Haman sprach zum König Ahasveros: Es gibt ein Volk, das lebt zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Provinzen deines Königreichs, und ihre Gesetze sind anders als die aller Völker, und sie befolgen die Gesetze des Königs nicht, sodass es dem König nicht geziemt, sie gewähren zu lassen!» Haman will die Juden also in Wahrheit töten, weil sie nach Gottes Geboten leben. Mordechai beugt seine Knie vor niemand anderem als Gott. Wie Hitler ist Haman ein Widersacher Gottes.

Hannah Arendt – einer Agnostikerin – gelang es, den in den totalitären Systemen Hitlers und Stalins steckenden unbedingten Vernichtungswillen, das unbändige Böse, zu beschreiben, ohne ihnen andere Beweggründe anzudichten als den, Böses tun zu wollen. «Gleich einem fremden Eroberer», so Arendt, «erachtet der totalitäre Machthaber die Schätze und Reichtümer des eigenen Landes nur als eine Quelle des Raubs, aus der er schöpfen kann, um die Welteroberungspläne der Bewegung weiterzutreiben. Nur dieser ist er verpflichtet, und das heisst, dass keine Nation, kein Volk und kein Territorium dem systematischen Raubbau ein Ende setzen.» Dieser Prozess kenne «keinen Sättigungsgrad», weil er im Prinzip «unendlich» weitergetrieben werden könne. Der totalitäre Machthaber sei in seinem eigenen Land «schlimmer als ein fremder Eroberer». «Es ist, als käme er von nirgendher, und seine Raub- und Schandtaten kommen schliesslich niemandem zugute.» Dass im Heimatland Kriegsbeute verteilt wird, sei nur ein «taktisches Manöver», um die Leute bei Laune zu halten, damit sie bei noch grösseren Verbrechen mithelfen. «Dabei ist sogar das Land, in dem der totalitäre Diktator zufällig wirklich zu Hause ist, eher noch schlechter dran als die von ihm eroberten Gebiete, weil nirgend sonstwo die Brutalität der Unterdrückung so systematisch und so wirksam betrieben werden kann.»

Dafür finden sich unzählige Beispiele. Die Ajatollahs im Iran bekämpfen die Vereinigten Staaten und Israel, aber es sind in erster Linie Iraner, die unter dem Despotismus leiden. Dasselbe galt für die in Gegnerschaft zum Westen errichteten sozialistischen Diktaturen, die jene versklavten und schikanierten, zu deren Wohl sie vorgaben zu handeln. Stets begegnet uns in totalitären Systemen (und bei Terrorgruppen) eine Einstellung, die den Tod möglichst vieler Menschen verherrlicht. Das ist nicht blosser politischer Fanatismus, das ist Hass auf Gottes Schöpfung und auf Gott selbst. Die allgegenwärtigen Hitlerbilder im Dritten Reich, die Stalin-Statuen in der Sowjetunion und die riesigen Porträts Khomeinis und Chame-neis im heutigen Iran sind Götzendienst.

Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 08/2019.

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