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von Martin Glauert
Seelenheil und Schweineschmalz
Eines Nachts bricht im Haus Feuer aus. Das Cottage der Familie Wesley brennt rasch lichterloh. Eltern und Kinder können sich mit Mühe ins Freie retten. Doch einer fehlt – der kleine John! Der Bub schläft unterm Dach, aber die Treppe ist schon eingestürzt, Rettung nicht mehr möglich. Während im Garten die frommen Eltern niederknien und für die Seele ihres Kindes beten, erscheint dessen blasses Gesicht oben im Fenster. Ein Knecht steigt beherzt auf die Schultern eines anderen, gemeinsam fangen sie den Sprung des Knaben auf, während hinter ihm das Dachgebälk funkensprühend zusammenbricht. Dieses Erlebnis wird John Wesley für den Rest seines Lebens prägen und die Grundüberzeugung seines theologischen Denkens bilden: gerettet aus dem Feuer der Verdammnis, ohne eigenen Verdienst. Seine Autobiografie titelt er später: «Ein Scheit, aus dem Feuer gezogen».
Missionar zu Pferde
Im Jahr 1703 wird John als fünfzehntes Kind geboren, vier weitere folgen. Beide Eltern sind fromm und eigensinnig, das wird der Bub von ihnen erben. John wird auf die Schule nach London geschickt und erhält danach als «armer Junge» ein Stipendium in Oxford. Zusammen mit seinem Bruder Charles und zwei weiteren Mitstudenten gründet er dort den «Holy Club». Täglich lesen sie stundenlang die Bibel, beten, singen und grübeln über den Weg zur wahren Frömmigkeit. Zweimal wöchentlich fasten sie, besuchen Gefangene, Kranke und Arme in Oxford. Wegen ihrer strengen Disziplin und des strukturierten Tagesablaufs werden sie von den Kommilitonen bald spöttisch als «Methodisten» bezeichnet. Und doch bekommt die Gruppe Zulauf.
1728 wird John Wesley zum Priester der anglikanischen «Kirche von England» ordiniert, allerdings hat er keine eigene Pfarrei. So muss er abwechselnd in den Gotteshäusern seiner Kollegen predigen. Denen aber wird es bald zu bunt mit dem frommen Eiferer und Wesley erhält Hausverbot. Das kann ihn und seine unbändige missionarische Energie jedoch nicht stoppen. Aus der Not heraus verfällt er auf eine Idee, die damals als revolutionär und als geradezu ungeheuerlich empfunden wurde: Von nun an reitet er auf einem Pferd durchs ganze Land und predigt das Evangelium unter freiem Himmel.
Nicht nur auf den Marktplätzen der lieblichen Dörfer Süd-englands, wo er auf offene Ohren der gläubigen Landbevölkerung stösst, trifft man ihn. Auch in die Zechentäler von Wales wagt er sich und zu den Arbeitern der Baumwollfabriken Nordenglands. Die industrielle Revolution hat ein verarmtes Proletariat geschaffen, das sich von der Gesellschaft verraten fühlt. Elend, Trunksucht und Gewalt herrschen in den rasch wachsenden Industriestädten. Und da kommt so ein frommer Pfaffe, predigt Tugend und Enthaltsamkeit, Glaube und Demut! Oft wird er von der wütenden Menge niedergebrüllt und mit Steinen beworfen, immer wieder auch mit dem Tode bedroht. Bei einer dieser Attacken verschlägt den Zuschauern die Reaktion Wesleys die Sprache. Er steigt von seinem Schemel herab und geht auf den wütenden, rotgesichtigen Anstifter zu. Erst jetzt sieht man, wie klein er ist, 1,52 Meter, fast ein Kind. Er spricht den Aufrührer an, betet für ihn. Da geschieht das Unerwartete: Statt ihn zu schlagen, bricht der in Tränen aus, fällt auf die Knie, betet gemeinsam mit dem hergelaufenen Prediger. Irgendwann singt die ganze Versammlung und preist den Herrn. Am Abend lassen sich Hunderte taufen.
Sorge für den Leib
Auf seinen weiten Reisen lernt John Wesley das Leben der einfachen Leute kennen. Überall begegnet er Armut und Krankheit. Ärztliche Behandlung oder gar Medizin kann sich kaum einer leisten. Ebenso besorgt wie um das Seelenheil seiner Schäfchen ist Wesley um ihre Gesundheit. Er hält die Ohren offen und sammelt das medizinische Volkswissen, traditionelle Therapien und überlieferte Rezepte. 1747 veröffentlicht er – zunächst anonym – sein Buch mit dem Titel «Primitive Physic», was so viel heisst wie «Ursprüngliche Heilkunst». Der Untertitel verspricht «eine einfache und natürliche Methode, die meisten Krankheiten zu kurieren». Damit verfasst er das erste und populärste Buch für Allgemeinmedizin in Grossbritannien.
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 05/2023
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