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von Peter Behncke

Glaube

Mit Gott das Unmögliche wagen

Im Rückblick auf ein bewegtes Leben sagt die evangelische Diakonisse Schwester Inge: «Ich kann nur ermutigen, sich von Gott gebrauchen zu lassen und seine Liebe zu den Menschen zu bringen.»

Ein Gespräch mit Schwester Inge Kimmerle vom evangelischen Diakonissenmutterhaus im württembergischen Aidlingen ist immer spannend, inspirierend und glaubensstärkend. Mit ihren 80 Jahren ist sie noch immer voller Ideen und Tatendrang, hat viel in ihrem Leben bewegt und dabei manche Überraschungen Gottes erlebt. Und ist dabei über Höhen und durch Krisen gegangen. Viele Menschen kommen zu ihr, um sich seelsorgerlichen Rat zu holen. Für ihr vielfältiges Engagement ist sie, unter anderem, mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden.

factum: Schwester Inge, kannst du uns zunächst etwas über deine Person und Herkunft erzählen?
Schwester Inge: Ich komme aus Herrenberg, Landkreis Böblingen, und bin in Gärtringen in einem traditionell protestantisch-kirchlichen Elternhaus als jüngstes von fünf Kindern aufgewachsen. Mit neun Jahren habe ich meinen Vater verloren. Das hat meine kleine Welt durcheinandergewirbelt. Es war ein einschneidendes Erlebnis und ab diesem Zeitpunkt wurde ich die Frage nicht mehr los: Wo ist mein Papa jetzt? Diese brennende Frage wurde für mich zum ständigen Begleiter, ging mit in meine Träume. Niemand weit und breit konnte sie mir beantworten. So fing ich früh an zu fragen, was es mit der Begrenztheit des Lebens auf sich hat und was der Sinn überhaupt ist. Ansonsten war ich ein ganz normaler, kreativ-auffälliger Teenie, konnte jeden neuen Schlager auswendig trällern und hatte besonders Spass beim Theater- und Streichespielen.

factum: Wann und wie hat das mit dem Glauben bei dir angefangen?
Schwester Inge: Also, die Konfirmation ging an mir vorbei, ohne dass ich davon gross berührt worden wäre. Erst zwei Jahre später, bei einem Pfingstjugendtreffen in Aidlingen, habe ich verstanden, worum es im christlichen Glauben geht. Das war der Wendepunkt in meinem Leben, denn es bedeutete einen Herrschaftswechsel. Jesus, der vom Tod auferstanden ist und am besten weiss, wo die Verstorbenen sind, wurde mein Retter und Freund. Ich gab Jesus, der der Mitgehende für mich sein will, mein Leben und akzeptierte, dass er das Recht hat, sich in meine Lebensplanung einzumischen.

factum: Wie kam es zur Entscheidung, Schwester zu werden?
Schwester Inge: Nach der Schule absolvierte ich eine Ausbildung zur Krankenschwester. Da hatte ich ein Erlebnis, das man als Berufung bezeichnen könnte. Ich wusste, Gott will mich in seinem Dienst haben. Es passte ganz und gar nicht in meine Pläne, denn für mich war einfach klar: Ich will heiraten, und da war auch schon eine Freundschaft. Ich kam darüber aber nicht zur Ruhe und habe dann die Beziehung gelöst, um erst einmal die Bibelschule in Aidlingen zu besuchen. Ich habe zu Gott gesagt: «Du kannst mich überall hinschicken, aber bitte ohne Haube.» Als mir endgültig klar wurde, dass es Gottes Weg für mich ist, war das Thema dann ziemlich schnell erledigt. Ich erinnere mich noch genau, es war Silvester 1963/64. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass ich immer wieder auf mein Outfit angesprochen werde. Einmal kam ein Kunststudent auf mich zu und meinte: «Oh, schickes Kostüm, das Sie da tragen.» Ich antwortete: «Das schicke Kostüm ist eine Diakonissentracht.» Und ich konnte ihm erklären, was es damit auf sich hat, und zwangsläufig kamen wir auf den christlichen Glauben zu sprechen.

factum: Würdest du von Berufung sprechen?
Schwester Inge:Berufung ist ein grosses Wort. Das klingt so nach Heldentum. Aber alle Menschen sind grundsätzlich berufen, in Beziehung mit Gott zu leben. Und offensichtlich gibt es Berufungen zu besonderen Diensten. Das Bibelwort Epheser 2,10 ist für mich ein Stück Klärung: «Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.» Wir können also in Dingen leben, die er vorbereitet hat. So hat Berufung nicht primär mit dem zu tun, was ich mache, sondern was ich bin. Aus heutiger Sicht, fast 60 Jahre danach, kann ich nur staunen über das Abenteuer meines Lebens, durch das Gott mich durch das Sammelsurium von Fehlern und Schwächen gebracht und offensichtlich auch gebraucht hat. Immer in dem Bewusstsein: «... ohne mich könnt ihr nichts tun» (Joh. 15,5). Das ist eine grosse Gnade, für die ich unendlich dankbar bin.

Lesen Sie das ganze Interview in factum 04/2019.

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