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von Thomas Lachenmaier

Mensch

Ist die Grippe ausgestorben?

Wenn man den Zahlen der WHO und des «Robert Koch-Institut» (RKI) vertrauen darf, dann ist die Grippe praktisch ausgestorben. Das wäre eine medizinische Sensation, denn die Grippe ist seit Menschengedenken eine schwere Erkrankung, an der weltweit nach Angaben der WHO und der US-Seuchenbehörde (CDC) jedes Jahr 650 000 Menschen sterben.

Um die 500 Millionen Menschen erkranken jedes Jahr weltweit an Grippe. Einer aktuellen Studie1 zufolge, die im Wissenschaftsmagazin «The Lancet» veröffentlicht wurde, sterben weltweit jedes Jahr ungefähr 650 000 Menschen an einer Infektion mit dem Influenza-Virus. Darunter sind auch viele Kinder.

Die meisten Todesfälle ereignen sich in der Altersgruppe der mehr als 75-Jährigen und in den ärmsten Regionen der Welt. Am höchsten ist die Grippe-Sterblichkeit in Afrika südlich der Sahara, gefolgt vom östlichen Mittelmeerraum und in Südostasien. Todesfälle bei Kindern infolge von Grippe gibt es vor allem in Entwicklungsländern. Aber seit dem Jahr 2020 ist alles anders. Die WHO verzeichnet seit der 17. Kalenderwoche 2020 praktisch keine Grippefälle mehr.2 Auch die Arbeitsgruppe des «Robert Koch-Institut» vermeldet die Grippe als praktisch ausgestorben. In einer Aufbereitung durch den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) ergibt sich, dass selbst schwache Grippejahre eine drastisch höhere Zahl an Influenza-Kranken aufweisen als 2020. Die US-Seuchenbehörde vermeldet zum Beispiel in der Zeit von Ende September bis zum 19. Dezember eine kumulative positive Influenza-Testrate von zwei Promille, im Vorjahr war sie mit 8,7 Prozent mehr als 43 mal höher. Diese wundersame Grippe-Verminderung ist medizinisch nicht leicht zu erklären und medizinhistorisch ein singuläres Ereignis. Der New Yorker Epidemiologe Knut Wittkowski weist darauf hin, dass viele Fälle von Influenza-Erkrankungen als Corona-Fälle gezählt werden.3 Er schreibt: «Die Influenza wurde zu einem grossen Teil in Covid-19 umbenannt.» Er geht davon aus, dass Patienten mit Grippe-Symptomen, die ähnlich den Covid-Symptomen sind, als Covid-Patienten oder -opfer gezählt werden. Prof. Wittkowski war 20 Jahre lang als Leiter der Abteilung für biostatistische Epidemiologie und Forschungsdesign der «Rockefeller University» in New York tätig. Zuvor arbeitete er 15 Jahre mit dem gleichfalls renommierten Epidemiologen Klaus Dietz an der Tübinger Universität zusammen. Dass das Einbrechen der Zahl der an Grippe Erkrankten oder Verstorbenen mit den Massnahmen gegen Covid zu begründen ist, hält Prof. Wittkowski nicht für plausibel, da sich in derselben Zeit die Covid-Zahlen versiebenfacht haben. Das würde ja bedeuten, dass die Distanzregeln und Maskenzwang bei der Grippe hilfreich sind, bei Covid jedoch nicht. Prof. Wittkowski: «Ich denke, dass sich diese Viren ähnlicher sind, als man wahrhaben will.» Wahrscheinlicher ist, dass die Schutzmassnahmen bei beiden Erkrankungen einen begrenzten Schutz bieten – und dass die Grippefälle Covid zugerechnet werden.

1 https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(17)33293-2/fulltext
2 https://www.who.int/influenza/gisrs_laboratory/flunet/charts/en/
3 https://summit.news/2021/01/05/epidemiologist-says-influenza-cases-are-being-counted-as-covid-19/

Meldung aus factum 02/2021.

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