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von Thomas Lachenmaier

Mensch

Geburtswehen des Messias

Die erwartungsvolle Einschätzung, dass wir in einer sehr besonderen heilsgeschichtlichen Zeit leben, ist unter Christen ausgeprägt. Die «Zeichen der Zeit», von denen die Bibel spricht, sind offenkundig. Auch unter gläubigen Juden ist die Annahme, dass wir in der Zeit des Kommens des verheissenen «Maschiach», des Messias, leben, stark. In einem Artikel für «Aish HaTorah», eine jüdisch-orthodoxe Website, schilderte Bestseller-Autorin Sara Yoheved Rigler diese Situation.

Durch die Covid-19-Ereignisse rase der Zug der Menschheit jetzt wie durch einen dunklen Tunnel auf das bestimmte Ziel zu: das messianische Zeitalter, von dem unter anderem in Jesaja 11,6–9 und Jesaja 2,4 die Rede sei. Bis zum Jahr 6000 des jüdischen Kalenders muss sich den Rabbinern zufolge der Messias spätestens offenbaren, das könne aber auch früher geschehen. Derzeit befinden wir uns im Jahr 5780. Rabbiner haben eine grosse Scheu, über das Kommen des Messias zu sprechen, so Sara Rigler, zu lebendig sei die Erinnerung an die falschen Messiasse, auf die viele hereingefallen sind – vor allem an Schabbatai Zwi, der sich im 17. Jahrhundert selbst zum Messias erklärt hatte. Vom türkischen Sultan vor die Wahl gestellt, «Tod oder Bekehrung zum Islam», wurde er abtrünnig. Das daraus resultierende Trauma habe das jüdische Volk «in einen posttraumatischen Zustand des Misstrauens gegen den Maschiach an sich» versetzt, schreibt Rigler in dem Artikel, der auch in der Wochenzeitung «Jüdische Allgemeine» veröffentlicht wurde.

In der jüngeren Vergangenheit gebe es aber ein Umdenken. Viele Bibellehrer verkünden, dass wir uns in der «Zeit der Geburtswehen des Maschiach» befinden. Die Rückkehr des Volkes Israel in sein Land, die Kriege und der Terror zählen den Gelehrten zufolge zu den «Zeichen der Zeit». Sie beschreiben diese Zeit als eine der Dekadenz, die dem Kommen des Messias unmittelbar vorausgeht. Es werde «eine Zeit der Verachtung derer sein, die nach der Torah leben». Rigler zitiert aus dem Talmud: «In den letzten Tagen vor der Ankunft des Maschiach wird die Schamlosigkeit herrschen (…) Kinder werden die Alten beschämen (…) Man wird die abscheulich finden, die die Sünde fürchten, und die Wahrheit wird untergehen.» Auch der globale Antisemitismus wird als Zeichen der Zeit gewertet. Sara Rigler schreibt: «Betrachtet man die Welt durch die Augen der Torah, so könnte man sagen, dass die heutige Zeit einen moralischen Tiefpunkt erreicht hat.» Sie erinnert mit Verweis auf 3. Mose 26,44 an die Treue Gottes zu seinem Volk, sogar in der Zeit der Zerstreuung, die jetzt endet: «Aber selbst wenn sie im Land ihrer Feinde sind, werde ich sie nicht missachten und sie nicht verabscheuen, um ihnen etwa ein Ende zu machen und meinen Bund mit ihnen zu widerrufen; denn ich bin der Herr, ihr Gott.»

Es ist bemerkenswert, dass in einer säkularen Zeitschrift wie der «Jüdischen Allgemeine» ein Text veröffentlicht wird, in dem die Autorin «die gegenwärtige globale Krise» als «ein wahrscheinliches Szenario für das Auftreten des Maschiach» schildert – wobei sie natürlich das 1. Kommen des Messias meint. Die Corona-Pandemie beschleunige den Menschheitszug, schreibt Sara Rigler. Die Antwort darauf sei aber nicht Angst und Verzweiflung, sondern Hoffnung.

Meldung aus factum 05/2020.

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