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von Thomas Lachenmaier
Frei in unfreier Welt
«Wenn die Grundpfeiler umgerissen werden, was tut dann der Gerechte?», fragt David in Psalm 11. Der Evangelist Manuel Seibel sagt: «Er vertraut darauf, dass Gott über allem steht und Ihm nichts entgleitet. Er lebt mit Gott und versucht, sich von dem Bösen fernzuhalten und in Gemeinschaft mit seinem Herrn zu leben.»
Ja, die Dinge in der Welt sind entglitten. Die guten Ordnungen, die ein gedeihliches, verträgliches Auskommen ermöglichen, sind wie aus dem Geleis gesprungen. Auch der Mensch, der ohne Gott leben will, nimmt das Misslingen wahr. Auch der Mensch, der sich in seiner Ablehnung von Gottes guten Wegen in heillosen Welterklärungen verstrickt hat, leidet daran, sucht nach einer guten Ordnung, nach Trost, nach einer Lösung, nach Erlösung – aber dann halt ohne Gott.
Aber: Er muss es selber regeln. Er ist auf sich geworfen. Was bleibt ihm, als sich selbst in die Mitte zu stellen und um sich zu kreisen? Allenfalls kann er sein Wünschen und Wollen mit Gleichgesinnten, Gleichverlorenen kollektivieren, den Selbsterlösungsglauben an das Kollektiv adressieren. Und das ist, was heute geschieht. Das ist Kern und Ursache der Selbsterlösungsideologie, die jeden Tag bestimmender und deren totalitäres Potenzial und Ansinnen jeden Tag offenbarer wird.
Mit der Digitalisierung und der darauf folgenden Globalisierung der Information strebt auch die gott-lose Selbsterlösungssehnsucht nach einer globalen Lösung, verliert sich im Uferlosen, im Unermesslichen. Die Religion des Unglaubens findet erst Halt bei der aberwitzigen Irrlehre, einer Hybris, die jene des Turmbaus zu Babel übersteigt, der Mensch könne, wenn schon nicht sich, so doch den Planeten retten, also die Welt – was wäre die Welt ohne diesen Planeten? Der Blick auf die Ideologien des vergangenen Jahrhunderts ist lehrreich. Es braucht eine Rechtfertigung, wenn man dem Menschen vorschreiben will, wie er zu leben hat. «Jeder Fanatismus braucht ein Alibi. Und ein besseres Alibi, als die Welt zu retten, kann es nicht geben», so Henryk Broder treffsicher. Wo mit Gott auch das wahre Selbst aus dem Blick gerät – dass der Mensch doch Gottes Geschöpf ist, in seinem Bilde geschaffen, da verliert sich die geistliche Zielverfehlung des Menschen (die Bibel nennt das Sünde) in solcher Hybris.
Der amerikanische Publizist John Podhoretz hat die «umweltpolitische Herabstufung des Menschen» der vergangenen 50 Jahre beschrieben. Die Aussage, dass unsere Erde «so viel besser wäre, wenn sie keine Menschen hätte», kennzeichnet er als «das verborgene Rückgrat» der Öko-Ideologie. Mit durchschlagendem Erfolg ist dieser Gedanke, der dem biblischen Denken diametral entgegensteht, im westlichen Denken, inzwischen auch global, verankert worden. Auch Christen, die ja um die Verantwortlichkeit des Menschen wissen, haben sich empfänglich gezeigt für diese antichristliche Grundannahme. Sogar Bibelgläubige sind dieser These, an der jeder Antichrist seine Freude haben muss, aufgesessen und reihen sich in den Chor der Kassandrarufer ein. Sie tun dies, weil sie sich zu einem Denkfehler haben verleiten lassen.
Diese Ideologie, die jetzt mit aller Macht nach dem Menschen greift, lokalisiert die menschliche Bosheit nicht – wie es die Bibel tut – im Verhalten des Menschen gegenüber anderen Menschen, sondern im Missbrauch und in der Misshandlung natürlicher «Ressourcen», und er richtet damit die Menschen. Auch darauf weist Podhoretz hin und betont, dass dieses Denken die Menschheit richtet, indem es postuliert: «Wir sind böse. Wir sollten bestraft werden. Wir sollten nicht einmal hier sein.» Die Öko-Ideologie hält es für einen fatalen Unfall der Evolution, dass es den Menschen überhaupt gibt. Es wäre besser, es gäbe den Menschen überhaupt nicht.
Niemand, der ein Neugeborenes in den Armen hält, sollte etwas anderes denken, als dass dies ein Geschenk Gottes und ein einziges Wunder ist. Ein gottgewolltes Wunder. Die ganze Menschheit ist ein gottgewolltes Wunder. John Pod-horetz schreibt: «Gott hat uns den freien Willen gegeben und es ist unsere Perversität, dass wir ihn benutzen, um zu behaupten, unsere Existenz sei kein Geschenk, sondern ein Fluch.» Der Mensch erfreut sich nicht des Menschen, «aber das sollte er», so Podhoretz. Manche müssen sich von Paulus fragen lassen, warum sie sich «so bald abwenden lassen von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi zu einem andern Evangelium» (vgl. Gal. 1,6).
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 02/2020.
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