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von Dr. Harald Binder

Natur

Eine unüberschaubare Vielfalt

Spinnen sorgen bei vielen für einen Abwehrreflex. Doch diese kleinen Tiere haben faszinierende Eigenschaften, die zum Staunen einladen, aber auch vom «Seufzen» der Schöpfung zeugen.

Spinnen gehören in unserer Kultur nicht zu den Organismen, die eine hohe Aufmerksamkeit erhalten. Daher ist es auffällig, dass in den letzten Jahren die sogenannte Nosferatu-Spinne regelmässig in den verschiedensten Medien im deutschen Sprachraum Platz gefunden hat. Diese grosse und robuste Spinne mit einer Körperlänge (ohne Beine) von bis zu 20 mm und einer Gesamtgrösse von bis zu 80 mm ist in Europa erstmals Mitte der 1990er-Jahre nördlich der Alpen wahrgenommen worden. Sie war ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet, hat sich aber inzwischen – auch begünstigt durch klimatische Veränderungen – in Mitteleuropa etabliert.

Zoropsis spinimana – so lautet der wissenschaftliche Name dieser Spinne – wird der Familie der Kräuseljagdspinnen (Zoropsidae) zugeordnet. Nach den bisherigen Erfahrungen ist sie für Menschen nicht sehr gefährlich. Sie kann unsere Haut zwar an empfindlichen Stellen mit ihren Kieferklauen (Chelizeren) durchdringen, aber ihr Gift scheint in seiner Wirkung – wenn überhaupt – mit der Stärke eines Bienenstichs vergleichbar zu sein. Als nachtaktive Jagdspinne lauert sie in der Dämmerung oder der Dunkelheit auf Beutetiere, die sich in unmittelbarer Nähe bewegen. Diese ergreift sie überfallartig mit den vorderen beiden Beinpaaren und fixiert sie, sodass sie mit den gespreizten Kieferklauen und den daran befindlichen Giftklauen den Giftbiss setzen und die Beute schliesslich aussaugen kann. Dabei wird die Beute nicht, wie sonst für Webspinnen typisch, mit Seide umsponnen.

Die Nosferatu-Spinne baut kein Netz zum Beutefang, sondern ist als freie Jägerin unterwegs. Trotzdem besitzt sie ein sogenanntes Cribellum, eine Platte mit vielen sehr feinen Spinnspulen (bis zu mehreren Zehntausend). Netzbauerinnen legen damit sogenannte «Wolle» um die spiralförmigen Fangfäden ihres Netzes. Diese Wollumhüllung der Fangfäden hat dieselbe Wirkung wie die Klebetröpfchen auf den Fangfäden der netzbauenden Spinnen, die kein Cribellum haben. Wozu die Nosferatu-Spinne aber ihr Cribellum nutzt, ist bisher nicht geklärt. Sie besitzt auch an ihren Hinterbeinen je ein Calamistrum, eine Art Kamm, mit dem die Spinne die Wolle pflegen und richten kann. Sie nutzt ihre Spinnenseide beispielsweise zum Bau ihrer Kokons, in denen sie ihre Eier ablegt und diese während circa 30 Tagen nahezu ununterbrochen bewacht und verteidigt. Diesen Kokon umgibt sie mit einem blau schimmernden Wall cribellater Spinnenseide (FOELIX et al. 2015).

Spezifisches Aussehen

Ein solcher Kokon1 ist typisch für Spinnen. Viele Spinnenweibchen umgeben ihre Eier mit einem Gespinst, das oft ein für die jeweilige Art spezifisches Aussehen hat. Je nach Lebensweise der Spinne wird dieser Kokon irgendwo mit Spinnfäden fixiert oder die Weibchen tragen ihn auf ihren Unternehmungen bei sich. Aus den Eiern schlüpfen die Jungspinnen, die von Beginn an die für Spinnen typische Gestalt aufweisen. Spinnen durchlaufen also keine Metamorphose und verändern ihre äussere Gestalt im Verlauf ihrer Entwicklung nicht. In Bezug auf Jungspinnen haben CHEN et al. (2018) sogar eine Springspinne (Taxeus magnus) beschrieben, bei der das Weibchen, wenn die Jungspinnen geschlüpft sind, unten an ihrem Hinterleib Milchtröpfchen absondert und damit die Jungen säugt. Das Autorenteam hat auch gezeigt, dass das Säugen die Vitalität der Jungspinnen deutlich positiv beeinflusst.

Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 01/2024

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