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von Dr. Peter Trüb
Eine Frage der Perspektive
Die Sonne kreist um die Erde: Das war die vorherrschende Sichtweise während der Antike und im Mittelalter. Einflussreiche Naturphilosophen wie der Grieche Aristoteles stellten die Erde in den Mittelpunkt ihrer kosmologischen Modelle. Viele plausible Argumente, wie die Bewegung aller Körper in Richtung Erdmitte oder die scheinbar fixe Position der Sterne am Himmel, sprachen für ein geozentrisches Modell. Bis zum Ende des Mittelalters waren sich die Gelehrten einig, dass dies das richtige Weltbild sei.
Der Übergang zum heliozentrischen Weltbild, in dem sich die Erde um die Sonne bewegt, begann 1543 mit dem revolutionären Werk «Über die Umlaufbahnen der Himmelssphären» von Nikolaus Kopernikus. Darin zeigte er auf, dass die Bewegungen der Planeten mathematisch viel einfacher durch eine kreisförmige Bewegung um die Sonne beschrieben werden können. Damit begann eine wissenschaftliche und theologische Diskussion um die Position und Bewegung der Erde im Weltall.
Aufgrund einiger Bibelverse lehnten zunächst sowohl die katholische Kirche als auch die Reformatoren das heliozentrische Weltbild mehrheitlich ab. Befürworter wie Kepler oder Galilei, die ebenfalls an der Irrtumslosigkeit der Schrift festhielten, mussten einen Weg finden, um diese Passagen mit dem kopernikanischen Modell in Einklang zu bringen. Sie argumentierten, dass Gott seine Sprache unserer menschlichen Perspektive auf der Erde angepasst hat und so über Naturphänomene spricht, wie sie irdischen Beobachtern erscheinen. Dieses Prinzip der Bibelauslegung wird «Akkommodation» oder «göttliche Anpassung» genannt.
Der endgültige Nachweis für die Richtigkeit des heliozentrischen Weltbilds gelang Friedrich Bessel erst im Jahre 1838, als er die winzige Bewegung der Sterne am Himmel nachwies, welche durch die Bewegung der Erde um die Sonne entsteht. Heute akzeptieren praktisch alle Christen, dass sich die Erde um die Sonne bewegt und dass dies nicht im Widerspruch zu den Aussagen der Bibel steht.
Wie kommuniziert Gott?
Dies ist die grundlegende Frage, die hinter dem Prinzip der göttlichen Anpassung steht. Da sich Gott als übernatürliches und unendliches Wesen unvorstellbar stark von uns Menschen unterscheidet, würde man erwarten, dass die Kommunikation zwischen Gott und Mensch sehr schwierig sein müsste. Besonders seit dem Sündenfall, der bestimmt auch unsere intellektuellen Fähigkeiten in Mitleidenschaft zog, ist eine gelingende Verständigung alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Wie wir im Alten und Neuen Testament jedoch erfahren, hat Gott nie aufgehört, zu uns Menschen zu sprechen. In 5. Mose 30 sagt er zum Volk Israel: «Dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu wunderbar für dich» (Vers 11). Er befiehlt ihm sogar, es seinen Kindern zu lehren (5. Mose 6,7). Gott ist also in der Lage, seine Wahrheiten auch den jüngsten Mitgliedern der Gesellschaft zu vermitteln. Das wichtigste Beispiel für eine göttliche Anpassung ist die Menschwerdung Christi. In Jesus ist Gott «den Brüdern in allem gleich» geworden (Hebr. 2,17). Die Vorstellung eines uns entgegenkommenden Gottes findet sich also in verschiedenen Passagen der Heiligen Schrift.
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 06/2024
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