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von Carola Bruhier

Mensch

«Die Dämme brechen»

Kehrseite der Autonomie: Immer mehr Menschen in westlichen Ländern sterben durch Euthanasie. Die Beihilfe zum Suizid und das Töten von Menschen wird als «Sterbehilfe» beschönigt.

Der Spielfilm «Plan 75» von Chie Hayakawa spielt im Japan der nahen Zukunft die Vision einer staatlich durchorganisierten «Agentur für Sterbehilfe» durch. Menschen, die das 75. Lebensjahr vollendet haben, wird der betreute Suizid nahegelegt, alles ist perfekt organisiert.

Die Entscheidung für die Beendigung des eigenen Lebens unter Mithilfe des Staates erfolgt freiwillig – in einer demografisch schrumpfenden individualistischen Leistungsgesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, vereinsamen und Altersarmut häufig eine Rolle spielt. «Kodokushi», der oft über Wochen unbemerkte Tod einsamer alter Menschen, gilt als ein zunehmendes gesellschaftliches Problem – nicht nur in Japan. Für Aufregung sorgte 2021 eine Äusserung des Yale-Professors Yusuke Narita, der für das Problem der Überalterung und des «Kodokushi» den Vorschlag des Massenselbstmordes von Alten parat hatte – in Anspielung auf das Freitodritual der Samurai. Für das Wohl der Gesellschaft sollten die Alten den Jungen Platz machen und «in Würde» sterben. In den sozialen Medien wurde Narita, der seine Aussagen später als «Metapher» verstanden haben wollte, gefeiert. Der subtil inszenierte Film schaut hinter die Kulissen einer geräuschlos funktionierenden Euthanasie, die in einem hypermodernen Bürokomplex nach unverbindlicher freundlicher Beratung stattfindet.

Immer weiter aufgeweicht

Zunehmend verwischen die Grenzen von Fiktion und Zukunft (Plan 75) und der beobachteten Praxis in der Gegenwart. In Holland, wo das Töten auf Verlangen unter bestimmten Umständen seit 2002 erlaubt ist, sterben jährlich Tausende Menschen durch Euthanasie, Tendenz steigend. Der Begriff Euthanasie kommt aus dem Griechischen und bedeutet «schöner Tod». Ethiker und Ärzte beklagen seit 2017, dass auch ohne ausdrückliches Einverständnis der Betroffenen getötet wird. Die Tötungen von Demenzkranken, die vor der Todesspritze einer bewussten Willenserklärung nicht mehr fähig sind, steigen eklatant.

Die Ethikerin Berna van Baarsen, die mit der Prüfung von Sterbehilfeanträgen beauftragt war, trat 2018 aus Protest zurück. Sie und ihre Kollegen warnen: «Die Dämme brechen.» Trotz alarmierender Zahlen und Entwicklungen wird die Liberalisierung der aktiven Sterbehilfe weiter vorangetrieben. In den Beneluxstaaten, wo die «Lebensendkliniken» 2012 in «Kompetenzzentren Euthanasie» umbenannt wurden, dürfen seit 2013 auch Minderjährige ab zwölf Jahren die Todesspritze verlangen, seit 2016 auch psychisch Kranke und lebensmüde Menschen. Seit 2020 wurde der Kreis auf bewusstseinsgeminderte Patienten (etwa mit Demenz) und Kinder unter zwölf Jahren ausgeweitet. Der freie Zugang zur «Letzter-Wille-Pille» für lebensmüde Menschen ab 75 Jahren wird derzeit diskutiert. Wie problematisch die Feststellung des «freien Willens» bei psychisch- oder demenzkranken Menschen ist, wissen Ärzte und Psychiater. Dennoch werden die Sorgfaltskriterien immer weiter aufgeweicht. Das gilt auch für die Schweiz, wo der assistierte Suizid schon seit 1942 erlaubt ist und von einer Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen wird, wie Abstimmungen und Volksentscheide zeigen. Kommerzialisierung und Werbung für die Beihilfe zur Selbsttötung ist längst Realität in den genannten Ländern.

Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 03/2024

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