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von Thomas Lachenmaier
Der tägliche Gast
Von dem Rabbiner Hillel der Ältere (um 60 v. Chr.–9 n. Chr.), der als einer der grössten Gelehrten des Judentums verehrt wird, gibt es die folgende Erzählung: Jeden Tag, nachdem er seine Lehrtätigkeit beendet hatte, eilte er von dannen, ins Badehaus. Und eines Tages fragten ihn seine Schüler: «Rabbi, wohin gehen Sie jeden Tag nach dem Unterricht?» Er sagte: «Ich kümmere mich um meinen Gast.» Erstaunt fragten seine Schüler: «Sie haben jeden Tag Gäste?»
Hillel erwiderte: «Ist ein Gast nicht jemand, der heute hier ist und morgen wieder geht? Wenn ja: Ist mein Körper nicht nur ein Gast? Heute ist er hier und eines Tages wird er weg sein.» Für den Rabbiner war klar, dass er eine ewige Existenz ist, dass seine wahre Identität nicht der Körper, sondern geistiger Natur ist. Der Körper ist die temporäre Heimstatt dieser Existenz. Um diese vorübergehende Wohnstatt muss man sich auch kümmern, deshalb der tägliche Gang des Rabbis ins Badehaus. Aber dieser physischen Existenz sollen wir nicht dienen, wir sollen sie nicht in den Mittelpunkt stellen, weil sie nicht die Mitte unserer Existenz ist. Vielmehr soll uns ihre Vergänglichkeit lehren, das Unvergängliche in den Blick zu nehmen. Rabbi Hillel war klar: «Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden» (Ps. 90,12).
Wer in seiner körperlichen Existenz das Eigentliche sieht und in der Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse folgerichtig das Ziel allen Bemühens, der muss sich auf frustrierende Erfahrungen einstellen. Denn der Körper verfällt sehenden Auges. Er gerät ausser Form, wird auch weniger ansehnlich; es schmerzt hier und wird ungelenkig da. Wie anders der geistige, der eigentliche Mensch. Mit Gottes Hilfe mag er sich entwickeln, reifen und auf dem Weg zu einer unsterblichen und vollkommen heilen Existenz sein, in der es keinen Verfall, keine Krankheit, ja: keine Tränen mehr gibt. Auch wenn mit dem Körper die seelischen Kräfte und möglicherweise auch die mentalen Kräfte vergehen, der Mensch vielleicht sogar dement wird, so gilt doch: Der Mensch, der sich als vollkommen geistige, von Gott ins leibliche Leben gerufene Existenz erkannt hat und umkehrt zu seinem Gott, der ist am Ende als ein Kind Gottes in Seinem ewigen Frieden heil und gesund.
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 06/2020.
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