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von Thomas Lachenmaier
Der Konflikt, der nicht interessiert
Arzach ist ein demokratischer Staat mit armenisch-christlicher Bevölkerung in einer abgeschiedenen, kaum zugänglichen Bergregion, der von den Vereinten Nationen und der EU nicht anerkannt wird. Jetzt droht in Arzach, es entspricht in etwa der Region Bergkarabach, unter diesem Namen war der De-facto-Staat bis 2017 bekannt, eine humanitäre Katastrophe, weil Aserbaidschan den einzigen Zugang blockiert. Die Einfuhr von Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff ist blockiert. Aserbaidschan hat die zivile Infrastruktur beschädigt oder zerstört, davon sind auch die Gas- und Stromversorgung betroffen.
Die UN, die USA und Europa sehen in Arzach einen Teil Aserbaidschans. Ethnisch, traditionell und kulturell ist Arzach/Bergkarabach eng mit Armenien verflochten und verbunden. Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um diese Region brach mit dem Zerfall der Sowjetunion aus. Zuletzt starben 2020 mehr als 6500 Menschen in dem Konflikt mit Aserbaidschan. Die humanitäre Katastrophe droht, weil Aserbaidschan den von Russland vermittelten Waffenstillstand verletzt und den Lachin-Korridor, die einzige Strasse in diese abgelegene Region, isoliert. Seit Dezember 2022 können nur noch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und russische Friedenstruppen den Korridor passieren, um Kranke zu transportieren und im begrenzten Massstab humanitäre Hilfe zu leisten. Aserbaidschan hat die Durchfahrt der russischen Friedenstruppen und des IKRK mehrmals für Wochen blockiert.
Der aserbaidschanische Präsident Alijew sagt, dass «die in Karabach lebenden Armenier entweder die aserbaidschanische Staatsbürgerschaft annehmen oder sich einen anderen Ort zum Leben suchen müssen». Er droht mit Krieg, wenn die Regierung nicht aufgelöst wird. Die Menschen in der Region befürchten, dass sie vertrieben werden sollen. Exil-Armenier appellieren mit grosser Dringlichkeit an die EU. Sie fordern die Aufhebung der seit Dezember 2022 bestehenden Blockade, die Einhaltung der Waffenstillstandserklärung durch Aserbaidschan und wirtschaftliche und politische Sanktionen gegen Aserbaidschan. Ausserdem fordern sie das Selbstbestimmungsrecht der armenischen Bevölkerung von Arzach.
Bei den sonst so empörungsbereiten westlichen Medien finden sie wenig oder gar kein Gehör. In Arzach/Bergkarabach sind keine Ressourcen zu holen, kein Weizen und es taugt auch nicht als Aufmarschgebiet im wieder aufgebrochenen geostrategischen Ost-West-Konflikt. Ungleich anderen Regionen, in denen «nationale Interessen» von aller Welt anerkannt werden, obwohl die historischen Voraussetzungen nicht oder kaum gegeben sind, gesteht praktisch niemand den Menschen in Arzach/Bergkarabach Autonomie und nationale Selbstbestimmung zu. Auch über die jahrhundertelange Dauer des Königreiches Arzach im Mittelalter hinaus hatte diese Nation in der Geschichte immer wieder selbstbestimmt gelebt.
Meldung aus factum 05/2023
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