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von Thomas Lachenmaier
Wer gefallsüchtig ist, fällt
«Die Bibel redet von Gott, aber sie ist nicht Gottes Wort.» Mit solchen Sätzen formuliert der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, den kleinsten gemeinsamen Nenner einer Gesellschaft, die sich von der Vorstellung verabschiedet hat, Gott habe sich den Menschen offenbart. Mit seinem «sola scriptura» (allein durch die Schrift) und seinem «solus Christus» (allein Christus) hätte Luther keine Chance, in den Rat der EKD gewählt zu werden. Er würde noch nicht einmal einen Sitzplatz bei den Jubiläumsfeiern zu seinen Ehren bekommen. Ist den EKD-Oberen mit Martin Luther auch die Bibel peinlich?
Jesus ist der Welt ein Ärgernis. Er hat es selbst deutlich gesagt. Er hat es erlebt und durchlitten. Jesus konnte seinen Nachfolgern nichts Netteres über ihr Verhältnis zur Welt mitteilen, als dass sie um seines Namens willen gehasst und verfolgt würden. So wie es dann ja auch seinen Jüngern erging. Sie wurden ermordet und enthauptet. So wie es heute in immer mehr Ländern der Welt seinen Jüngern ergeht. Sie werden verspottet, vertrieben, verfolgt, ermordet.
Die Kirche Jesu müsste mit ihrer Botschaft, die Luther mit dem Befreiungsschlag seiner solus-Worte wieder klar in der Vordergrund gestellt hat, eigentlich anecken, Widerspruch und Widerstand bekommen. Das ist nicht der Fall. Sie hat sich stattdessen «zum Anwalt von Konzepten gemacht, die für die Bevölkerungsmehrheit unanstössig sind», kritisiert der Kirchenhistoriker Prof. Thomas Kaufmann. Im Grunde sage sie: «Hey Leute, was ihr ohnehin schon toll findet – genau dafür stehen wir auch!»
Die Kirche präsentiert die gesellschaftliche Mehrheitsmeinung, was immer diese heute auch ist – oder morgen. Die Kirche dackelt dem Zeitgeist hinterher und hält sich dabei für progressiv. Thomas Kaufmann hat sich mit Luther und der Geschichte der Reformation intensiv befasst. Von der heutigen Evangelischen Kirche Deutschlands sagt er: «Sie ist gefallsüchtig.»
(Artikelauszug aus factum 9/2016)
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