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von Rolf Höneisen
Im Schatten des Aufschwungs
Mein Flugzeug ist um zwei Uhr gelandet. In der riesigen Empfangshalle drängeln sich die Reisenden, als gäbe es keine Nacht. Mehr als 63 Millionen Menschen jährlich benutzen den Indira-Gandhi-International-Airport in Delhi. Ich reihe mich in die mäandernde Schlange zur Visa-Kontrolle ein. Anderthalb Stunden später kontrolliert der schwitzende Beamte Pass und Visum. Dann öffnet er die Schranke. Welcome to India!
Der Himmel über der Megacity ist graugelb. Wie schon viele Tage zuvor, wird der Smog auch heute die Sonne vernebeln. Ich rieche die verschmutzte Luft förmlich. Zu den Abgasen der Autos und dem Staub aus der Müllverbrennung kommen die Feuer der Bauern in der Umgebung. Sie zünden die Erntereste an, um ihre Felder rasch wieder bebauen zu können. «Schutzmasken trägt man hier nicht wegen Covid, sondern wegen der Russ- und Staubpartikel in der Luft», erklärt mir mein Fahrer Ramesh.
Indien ist ein Riesenreich, flächenmässig das siebtgrösste Land der Erde. Im Norden begrenzt durch den Himalaya, wird der Subkontinent umspült vom Indischen Ozean. Mit mehr als 1,43 Milliarden Einwohnern hat Indien China als bevölkerungsreichsten Staat überholt. Die Wirtschaft brummt. Ende Juni ist Premierminister Narendra Modi ehrenvoll in Washington empfangen worden. Indien wird für die USA wichtiger, weil sich China immer selbstherrlicher präsentiert.
Konkrete Hilfe und Unterstützung
Indiens Aufschwung verschleiert die sich verschlechternde Menschenrechtslage. Seit Modis Wahl zum Premierminister 2014 treten die Anhänger seiner hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP) immer selbstbewusster auf. Für sie ist Indien Hindu-Land. Wer anders denkt oder glaubt, muss sich fügen oder soll gehen. Es gibt politische Analysten, die eine Umwandlung des modernen Indien in eine «ethnische Demokratie» mit einem autoritären System befürchten.
Am 19. Februar 2023 gingen in Delhi über 20 000 Christen auf die Strasse. Katholiken und Evangelische liefen neben Evangelikalen und Mitgliedern verbandsunabhängiger Gemeinden. Gemeinsam protestierten sie gegen die Zunahme von religiösem Hass und Gewalt. Eine solche Christen-Demo gab es seit der Unabhängigkeit Indiens erst dreimal. Das erste Mal wegen der Vergewaltigung von Nonnen in den 1990er-Jahren, das zweite Mal wegen der Verbrennung des Missionars Graham Stuart Staines 1999 und schliesslich nach dem Massaker im Kandhamal-Distrikt 2008, bei dem rund 100 Christen getötet wurden. 2022 war das Jahr mit der stärksten Christenverfolgung seit Indiens Unabhängigkeit. Das United Christian Forum (UCF, Delhi) dokumentierte insgesamt 598 Gewaltdelikte gegen Christen (2021: 486 Fälle).
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 05/2023
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