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von factum-Redaktion

Natur

Giftcocktail entschlüsselt

Der Ammen-Dornfinger ist die giftigste Spinne Deutschlands. Forscher haben nun zum ersten Mal dessen Toxinarsenal entschlüsselt. Das eröffnet auch neue Perspektiven für die Suche nach Wirkstoffen gegen zellbasierte Krankheiten.

Für gewöhnlich sind Bisse von Spinnen in unseren Breitengraden völlig ungefährlich und oft sogar symptomlos. Eine Ausnahme bildet aber der Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium), der zwar vorwiegend im Mittelmeerraum verbreitet ist, aber doch vereinzelt in Mitteleuropa anzutreffen ist. Sein Biss verursacht eine für Spinnen äusserst ungewöhnliche Symptomatik: Starke Schmerzen, Schwellungen und manchmal sogar Kreislaufprobleme, die bei Kindern und Vorerkrankten zu medizinischen Notfällen führen können.

Das Gift dieser Spinne haben Forscher der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und des Fraunhofer Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie (IME) nun erstmals entschlüsselt.1 Es enthält viele Komponenten, die, ähnlich dem Bienengift, Zellstrukturen angreifen und so starke lokale Effekte verursachen. «Dafür verantwortlich sind vor allem ein Toxintyp namens CPTX sowie das Enzym Phospholipase A2», erklärt Dr. Tim Lüddecke von der JLU. Die Forscher haben festgestellt, dass die Phospholipasen im Ammen-Dornfinger denen aus Bienengift ähneln. Sie vermuten, dass die Ähnlichkeit zwischen dem Gift des Ammen-Dornfingers und dem Bienengift in der vergleichbaren biologischen Funktion begründet liegt. «Im Gegensatz zu anderen Spinnen nutzt der Ammen-Dornfinger sein Gift in erster Linie, um seine Brut zu verteidigen», erläutert Lüddecke. «Auch Bienen und einige weitere Arten haben klassische defensive Gifte.» Diese sind durch schnell einsetzende, starke Schmerzen gekennzeichnet, was eine rasche Abwehr von Feinden ermöglicht.

Offenbar reagiere die Evolution hier mit ähnlichen biomolekularen Lösungen auf vergleichbare Problemstellungen, obwohl die jeweiligen Arten nicht nahe verwandt sind, ist die Schlussfolgerung von Lüddecke. Doch wie realistisch ist es, dass ein blinder, nicht zielgerichteter Zufall zwei Mal unabhängig voneinander eine ähnliche Lösung hervorbringt? Ist es nicht naheliegender, dass ein intelligenter Schöpfer aus seinem Baukasten zwei nicht näher miteinander verwandte Tiere mit denselben Komponenten ausgerüstet hat?

Nichtsdestotrotz ergeben sich aus dieser Entdeckung neue Perspektiven für die Suche nach Wirkstoffen. So wurde Spinnengift bislang nahezu ausschliesslich für die Suche nach neuen Leitstrukturen für die Behandlung neuronaler Krankheiten berücksichtigt. «Die Bandbreite an Toxinen im Ammen-Dornfinger, die Zellen attackieren, deutet jedoch an, dass sie zukünftig auch für Wirkstoffe gegen zellbasierte Krankheiten wie Krebs evaluiert werden sollten», sagt Lüddecke.

1  https://doi.org/10.1038/s42003-025-09015-6

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