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von Dr. Stefan Jungen

Mensch

Flache Erde, runde Geschichte

Glaubten die Menschen im Mittelalter – insbesondere im christlichen Europa – an eine flache Erde? Ein Blick in die Geschichtsbücher überrascht. Ein historisches Beispiel von Desinformation.

Um moderne Naturwissenschaften praktizieren zu können, ist unvoreingenommenes, rationales Denken notwendig. Glaube und Christentum stehen in den Augen vieler atheistischer Naturwissenschaftler damit im Konflikt. Religiöse Vorstellungen – so ihre Meinung – würden der wissenschaftlichen Wahrheitssuche im Wege stehen.

Ein oft genanntes Beispiel, um dieser Behauptung «Glaubwürdigkeit» zu verleihen, ist die angebliche Rückständigkeit der Menschen im christlich geprägten Mittelalter. Dogmatisch hätten diese an biblischen Wertvorstellungen und überholten Glaubenssätzen festgehalten. In ihrer «Ignoranz» hätten sie sich vehement gegen neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse gewehrt, da sie sich durch diese in ihrem Glauben bedroht sahen.

Im Gegensatz dazu stehe der aufgeklärte, rationale und von christlichen Vorstellungen emanzipierte Wissenschaftler. Alleine durch Vernunft, Neugier und Fakten geleitet, gewinne er unbeeinflusst neue Erkenntnisse.

In diesem Weltbild wird die «vorsätzliche Ignoranz» religiöser Menschen an keinem Beispiel klarer ersichtlich als am mittelalterlichen Glauben an eine flache Erde. An diesem Glauben hielt insbesondere die Kirche – so das Narrativ – trotz wachsenden gegenteiligen Beweisen unverrückbar fest. Wissenschaftler, die zu beweisen versuchten, dass die Erde rund sei, seien behindert und bekämpft worden.

Wer glaubte das?

In der Schule lernte ich, dass die Menschen im Mittelalter glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Man zeigte uns als Beispiel für das damalige Weltbild das berühmte Bild mit dem Namen «Wanderer am Weltenrand» (Abb. 1). Dieses zeigt einen Menschen, der am Punkt, wo sich Himmel und Erde berühren, über das Himmelsgewölbe der flachen Erde in die Geheimnisse des Himmels hinausschaut. Im Original lautet der Untertitel des Bildes: «Ein Missionar des Mittelalters erzählt, dass er den Punkt gefunden hat, wo der Himmel und die Erde sich berühren ...»1

Doch entspricht dieses Bild, das in Wahrheit erst Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt wurde, tatsächlich dem, was Menschen im Mittelalter über die Erde und das Universum glaubten?  Stimmt es, dass – wie oft behauptet – der Glaube an eine flache Erde damals vorherrschend war? Und verhielt es sich tatsächlich so, dass die Menschen aufgrund der Bibel unverbesserlich an der Scheibenform Erde festhielten, obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse schon lange das Gegenteil bewiesen hatten?

1    Camille Flammarion: L’atmosphère, Paris 1888, S. 163.

Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 05/2025

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