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von Roman Nies
Es mag sein, dass alles fällt
Als Rudolf Alexander Schröder (1878–1962) 1936 das heute noch in evangelischen Kirchen gesungene Lied «Es mag sein, dass alles fällt», dichtete, herrschte in Deutschland eher Aufbruchstimmung. Bei den Olympischen Spielen in Berlin hatte man soeben der Welt gezeigt, was für ein weltoffener, grossartiger und erfolgreicher Gastgeber man war. Es ging wirtschaftlich spürbar aufwärts, der Wohlstand jedes Einzelnen wuchs, es sei denn, man war Jude. Deutschland war nun wieder wer, nach der deprimierenden Niederlage des Ersten Weltkriegs, den demütigenden Gebietsabtretungen und Reparationsleistungen an die Siegermächte, nach der Weltwirtschaftskrise, die das Land besonders hart getroffen hatte, und dem innenpolitischen Wirrwarr der Weimarer Republik. Aber des Dichters Lied lässt etwas anderes ahnen als eine blühende Zukunft eines grossen deutschen Vaterlandes, wovon so viele Deutsche träumten.
Im Nachhinein lässt sich sagen, dass das Lied, das zu Beginn des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht wurde, wie eine Prophezeiung war. Nicht Aufbruch, sondern Zusammenbruch kam über Land und Volk. Nicht Wohlfahrt, sondern Höllenfahrt; nicht Hochflug, sondern Absturz; nicht internationale Anerkennung und Grossmächtigkeit, sondern Abscheu und Ohnmacht; nicht Stolz, sondern Schande.
Schröder beschreibt in seinem Lied die wahre Substanz der Naziherrschaft und was sie bewirkt, nämlich «dass die Burgen dieser Welt um dich her in Trümmer brechen». Die Methoden der lügnerischen Geschichtsverdrehung und Propaganda sind nicht dauerhaft. Zwar mag es sein, «dass Trug und List eine Weile Meister ist» und eine Vorstellung von Glück und Gelingen hervorruft – doch «manches Glück ist auf den Schein». Man wird sehen! «Lass es Weile haben!» Das Unrecht und die Teufelei können sich nicht endlos verstellen, sie müssen ihre hässliche Fratze zeigen. Schröder hatte offenbar mehr als nur eine Ahnung dafür, dass etwas gewaltig schieflief im heranbrechenden «tausendjährigen Reich», das dann auch nur 12 Jahre reichen sollte, wovon die Hälfte Tod und Verderben und unendliches Leid über so viele Menschen brachte. Vielleicht hatte Schröder begriffen: Wo ein Teil der Bevölkerung, die Juden und bekennenden Christen, ins Unrecht gesetzt werden, da kann auf Dauer nichts Rechtes werden. Gilt das nicht immer, dass man die falsche Wahl trifft, sich seinem persönlichen Wohlbefinden hinzugeben, in der Woge der Glücklichen mitzuschwimmen, im Kreis der Verantwortlichen mitzufeiern, wenn nebenan das Recht mit Stiefeln getreten und Menschen entwürdigt werden?
(Artikelauszug aus factum 02/2016)
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