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von Jörn Schumacher
«Den Leuten aufs Maul schauen»
Biblische Texte haben eine ganz besondere Bedeutung: Hier spricht Gott direkt zum Leser. Der soll durch das Lesen der Bibel selbst verändert werden. Es liegt auf der Hand, dass dies für Sprachwissenschaftler interessant ist. Oft überschneiden sich Theologie und Linguistik. Der Sprachwissenschaftler Alexander Lasch von der Universität Dresden forscht am Schnittpunkt von Religion und Sprache.
Die deutsche Sprache ist massgeblich von der Bibel beeinflusst. Der Reformator Martin Luther hat mit seiner Übersetzung das Deutsche geprägt. Sein Leitsatz «Den Leuten aufs Maul schauen» war dabei tonangebend. Dass man sein «Licht nicht unter den Scheffel» stellen soll, weiss fast jedes Kind – wegen Luthers Bibel. Aber wer benutzt das Wort «Scheffel» noch woanders als in diesem Kontext? Ebenso sagt man zwar gerne «Asche auf mein Haupt», aber kaum noch jemand verwendet das Wort «Haupt» alleinstehend. Es ist also mittlerweile fast andersherum: Nicht nur Luther schaute den Leuten damals aufs Maul, sondern wir sprechen auch so, wie Luther es sich vor 500 Jahren vorstellte.
Biblische Sprachbilder
Unsere Gesellschaft wird zwar immer gottloser, aber unsere Sprache steckt noch voller christlicher Schätze – auch wenn sie nicht selten missbraucht werden. «O mein Gott», «Gott sei Dank!» «Ach herrjemine» – anscheinend geht es oft emotional zu, wenn wir Gott in unserer Sprache bemühen. Jüngere Menschen verwenden inzwischen oft das amerikanische «Jesus!» (Tschiises!) als Kraftausdruck. An den Teufel glaubt kaum noch jemand, aber wir sagen «Da ist der Teufel los», sprechen von der «höllischen Hitze» und einer «gottverlassenen Gegend». In Bayern hört man noch immer häufig ein an sich deplatziertes «Herrgottsackra!» oder aber das freundliche «Pfiati Gott»; das kommt ursprünglich von «Behüt Dich Gott». In der Schweiz kennt man das «Grüezi»; auch dies war ursprünglich eine Art Segensspruch: «Gott grüess di».
Wer weiss schon noch, dass der Jubelruf des Karnevals Helau! ein Überbleibsel von Halleluja! ist? Und dass «Toi toi toi» beim Glückwünschen das Relikt eines dreifachen Ausspuckens ist, bei dem man den Teufel abwehren wollte? Wörter wie «Kloster», «Pfarrer» oder «Friedhof» stammen aus der Zeit ab dem 8. Jahrhundert, als Mönche in den Klöstern die Bibel ins Deutsche übersetzten und die Wörter direkt aus dem Griechischen oder Lateinischen übernahmen. Auch das Wort «Bibel» kommt daher, es ist das griechische Wort für Buch.
Luther liebte klangvolle Alliterationen wie «Schmach und Schande», «Leib und Leben» und «fressendes Feuer», und wir nutzen sie noch heute. Nächstenliebe, Herzenslust, Ebenbild, Morgenland, Feuertaufe, Bluthund, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüsser, Lockvogel, Lästermaul,
Gewissensbisse – alles Sprachbilder, die Luther erfand und unsterblich machte. Der deutsche Sprachpapst Bastian Sick hat sich einmal die Aufgabe gemacht, einen Dialog zu schreiben, der ausschliesslich auf biblischen Ausdrücken und Zitaten beruht. Wer suchet, der findet (Matth. 7,7).
Keiner hat die deutsche Sprache als Einzelperson so beeinflusst wie Luther.
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 05/2025
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