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von Stefan Frank

Mensch

Das jüdische Volk lebt

Am 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag. 2025 jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 80. Mal. Auch in Israel gibt es eine langjährige Kultur des Gedenkens.

Der Kibbuz Yad Mordechai liegt im Süden Israels, drei Kilometer vom Gazastreifen entfernt und geht auf eine aus Polen stammende 150-köpfige Kibbuzgemeinschaft der säkularen jüdischen zionistischen Jugendbewegung HaShomer Hatzair aus den 1930er-Jahren zurück. Weil die ihnen zugewiesene Fläche in der Nähe von Netanja zu klein für den Kibbuz war, zog die Gemeinschaft 1943 an den heutigen Standort und benannte den neuen Kibbuz nach dem am 8. Mai 1943 beim Aufstand im Warschauer Ghetto gefallenen Anführer Mordechaj Anielewicz, der wie kaum eine andere Person in der modernen jüdischen Geschichte den Widerstand symbolisierte.

Der Name des Kibbuz zeigt, dass das Gedenken der Shoah in Israel nicht erst nach der Staatsgründung begann – wie manche glauben – sondern schon, als die Vernichtung der europäischen Juden noch im Gange war und das vollständige Ausmass noch nicht zu erkennen war. Im Unabhängigkeitskrieg von 1948 übrigens sollte ausgerechnet dieser Kibbuz für Israels Existenz höchst wichtig werden: Die Verteidiger von Yad Mordechai wehrten sich erbittert und konnten die angreifenden ägyptischen Soldaten und ihre Panzer – die auf Tel Aviv hätten vorstossen sollen – im Mai 1948 eine Woche lang aufhalten. Das war unschätzbar wertvolle Zeit für Israels Verteidiger, da in dieser Zeit die ersten aus der Tschechoslowakei stammenden Kampfflugzeuge zusammengebaut und startklar gemacht wurden.

Sehnsuchtsort Berg Zion

Ein Holocaust-Gedenktag wurde in Israel auf Anregung des Oberrabbinats am 28. Dezember 1949 begangen, im Martef HaShoa, auf Deutsch: Keller der Shoah, am Berg Zion in Jerusalem. In die Krypta eines jüdischen Friedhofs wurden an diesem Tag Asche und Gebeine Tausender Holocaustopfer aus dem KZ Flossenbürg gebracht, zusammen mit einer geschmückten Torah-Rolle. Das Rabbinat überwachte die Zeremonie und lud die Öffentlichkeit zu einer Nachtwache und Gebeten am nächsten Morgen ein. Im Radio wurde die Veranstaltung am Abend ab 21:30 Uhr mit einem Programm zum Holocaust begleitet. Der Martef HaShoah wurde zugleich Israels erstes Holocaustmuseum.

Das Oberrabbinat wählte den Berg Zion als Ort für den Holocaust-Keller wegen dessen Nähe zu Davids Grab, das für die alte jüdische Geschichte und das Versprechen der messianischen Erlösung steht. 1950 gab es unter der Leitung des Oberrabbinats bereits 70 Gedenkveranstaltungen in ganz Israel. 1951 rief die Knesset den jährlichen Gedenktag Yom HaShoah ins Leben – am 3. Mai 1951 fand die erste offizielle Gedenkveranstaltung statt, wiederum im Martef HaShoah.

Eine andere frühe Gedenkstätte ist der Wald der Märtyrer, der mit sechs Millionen Bäumen an die Opfer des Holocaust erinnert. Er erstreckt sich auf 1800 Hektar auf den Abhängen des Kisalon-Baches südlich der Autobahn von Tel Aviv nach Jerusalem. Die erste zeremonielle Baumpflanzung im Wald der Märtyrer im März 1951 begann mit dem Hissen der israelischen Flagge und dem Singen der Nationalhymne, der Hatikva (Hoffnung). Dann setzte Yosef Weitz, ein Mitglied des Vorstands des Jüdischen Nationalfonds – der 1901 auf Betreiben Theodor Herzls gegründeten Stiftung zum Ankauf und zur Bewaldung von Land für ein jüdisches Gemeinwesen –, die erste Zypresse. Bildungsminister David Remez erklärte in einer Ansprache die Bedeutung des Pflanzens von Bäumen. Es diene «nicht nur der Einrichtung von Gedenken; dieser Akt enthält auch die Rache der Ewigkeit Israels an dem grossen teuflischen Zerstörer» (s. a. «Von Wüste zu Wald», factum 3/23, S. 40).

Am 19. August 1953 wurde durch Beschluss der Knesset die heute in aller Welt bekannte Gedenkstätte Yad Vashem (sinngemäss: «Denkmal und Name») geschaffen. Der damalige Erziehungsminister, der Historiker und Professor Ben Zion Dinur, brachte die Gesetzesvorlage ein und stellte fest: «Das Yad Vashem-Gesetz von 5713/1953 ist ein aussergewöhnliches Gesetz, das bisher in keinem Staat ein Vorbild findet, denn auch die Umstände, auf Grund welcher dieses Gesetz erlassen wird, sind aussergewöhnlich und ohne Parallele in der menschlichen Geschichte. Yad Vashem vermittelt die Bedeutung eines Ortes – eines Ortes und eines Namens, eines Namens und eines Ortes ... Dieser Name besagt auch, dass Israel, unser Land, und Jerusalem, unsere Stadt, der Ort für sie und für ihr Angedenken ist.»

Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 01/2025

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