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von Monika Hausammann
Vom Bösen des Guten
Die Nachricht: Graham Platner war der offizielle demokratische Nominierte für den US-Senat in Maine bei der Wahl im November 2026. Mit 72 Prozent der Stimmen hatte er die demokratische Vorwahl klar gewonnen. Dass er ein Totenkopf-Tattoo auf der Brust trägt, das dem Nazi-Totenschädel zum Verwechseln ähnlich ist, dass er sich als Kommunisten bezeichnet und den Islam für toll hält, dass er während seiner Ehe Sex-Messages an andere Frauen versandte, dass er Polizisten allesamt für Bastarde hält (ACAB) und dass die unverdächtige New York Times von Gewalt gegen mehrere Frauen berichtete – all das war kein Problem für die demokratische Partei. Erst als Politico Unterlagen präsentierte, die zeigen, dass der Kandidat in die Wohnung einer Freundin eingedrungen ist und sie vergewaltigt hat, überlegte man sich bei der Partei, ob man ihn nicht doch besser fallen lässt. Offensichtlich nicht wegen seiner Taten, sondern weil man intern ein Weinstein-Szenario und Machtverlust fürchtet. Platner kam der Entscheidung seiner Partei mit seinem Rückzug zuvor.
Der Kommentar: Das Ganze ist ein unseliger Mechanismus, der sowohl in der Politik als auch im Journalismus Einzug gehalten hat. Politiker und Beamte haben nämlich im Grunde langweilige, staubtrockene Jobs. Sie haben mit beschränkten Mitteln und in relativ engen Grenzen für die Rahmenbedingungen zu sorgen, in denen die Bürger von ihrer Freiheit Gebrauch machen und ihre Werte leben können. Das heisst: Freiheitssicherung gegen innen und aussen durch Sicherstellung von Sicherheit, Bildung und Infrastruktur. Über die Qualität ihrer Arbeit müssen sie den Bürgern Rechenschaft ablegen. Das ist im Grunde schon alles. Sie sind Diener. Und das reicht ihnen seit langem nicht mehr. So wie es den Journalisten längst nicht mehr reicht, bloss zu berichten, was ist.
Deshalb hat die Politik vor Jahren bereits angefangen, «wertebasierte» Politik zu machen. Und die Journalisten machen parallel dazu «wertebasierten Journalismus». Die Grundlage dafür teilen sich Politiker, Beamte, Journalisten und fataler-, aber nicht überraschenderweise mittlerweile auch «die Wissenschaft». Sie lautet: Wir kennen die alternativlos guten Werte und Verhältnisse, nach denen Millionen von Menschen zu leben und zusammenzuleben haben. Wir sind die Guten. Wer diese Werte nicht teilt, ist böse.
Damit verpassen sie ihrem Handeln einen ganz neuen Massstab: Nicht mehr das Resultat von realen Taten in der Wirklichkeit zählt, sondern die Werte, aufgrund derer sie handeln. Und weil diese Werte alternativlos gut und sie selbst die Guten sind, ist auch ihr Handeln immer gut. Ungeachtet des Resultats. Weil ein Anhänger der Guten Charlie Kirk erschossen hat, ist die Tat nicht wirklich böse. Weil einer der Guten Frauen vergewaltigt, kann man weiter als Kandidat zu ihm stehen. Weil die Guten die Leute ins Land holen, die anschliessend 751 Gruppenvergewaltigungen im Jahr begehen (Deutschland, 2025), kann man die vergewaltigten Mädchen und Frauen unter den Teppich kehren. Weil die Guten den Planeten retten, kann man die Zerstörung von Flora und Fauna, Eigentumsdelikte und die Störung der öffentlichen Ordnung und Gefährdung von Leben als unwichtig abtun. Weil die Guten lügen, kann man jene, die sagen, dass sie lügen, als die Bösen abstempeln. Weil die Guten Krieg führen, sind all jene, die Friedensbemühungen fordern, Feinde und die Hunderttausenden geopferten Leben sind keiner Silbe wert.
In der Logik der Bibel ist das nichts anderes als Selbstvergottung. In der Logik des Liberalismus ist das eine Weltanschauungs-Diktatur. Und es zeigt sich auch hier wieder: Die Sünde ist gleichzeitig das Gericht.
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