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von Monika Hausammann

Mensch

Schwach, kraftlos, unwirksam. Die Verurteilung zu einem Halbleben.

In den letzten Jahren sind die Neurenten der Invalidenversicherung stark angestiegen. 50 Prozent werden aufgrund psychischer Probleme zugesprochen. Junge Erwachsene zeigen einen überproportionalen Anstieg. Auf individueller Ebene ist das eine Tragödie. Ein Kommentar.

Die Nachricht: In der Botschaft zur letzten grösseren Revision der Invalidenversicherung (IV) 2017 liess der verantwortliche Bundesrat, Alain Berset, verlauten: ««Die Sanierung der IV ist auf Kurs, zusätzliche Sparmassnahmen sind nicht erforderlich. Somit können die Schulden bis 2030 vollständig abgebaut werden» (NZZ). Heute ist klar: Das war bestenfalls Wunschdenken. Die IV schloss das Jahr 2025 mit einem Betriebsergebnis von minus 209 Millionen Franken ab. Die Schuld von 10 280 Millionen Franken bei der AHV bleibt unverändert. Für 2026 wird mit einem Minus von weiteren 300 Millionen gerechnet. Ohne Gegenmassnahmen ist das Vermögen der IV im Jahr 2031 aufgebraucht.

Ab 2016 bis heute beträgt der kumulierte Anstieg der Neurenten 40-60 Prozent (abhängig vom genauen Vergleichsjahr). 50 Prozent dieser Neurenten werden aufgrund psychischer Probleme zugesprochen. Nebst Personen kurz vor der Pensionierung erleben wir vor allem bei jungen Erwachsenen zwischen 18-24 und 25-30 Jahren einen überproportional starken Anstieg von Invaliditätsrenten.

 

Der Kommentar: Der Fall der IV sagt vieles aus über die Qualität von Prognosen des Bundes. Ebenso über die mit Hilfe der Justiz geschaffenen staatlichen Anreizstrukturen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Was bei der Diskussion meist zu kurz kommt, ist die Tragödie, die das auf einer individuellen Ebene bedeutet: Es ist kein Privileg, bereits ab 20 Jahren als IV-Rentner auf Kosten der Allgemeinheit zu leben – es ist die Verurteilung zu einem Halbleben.

Invalide sein ist eine Tragödie. Etymologisch bedeutet das Wort «nicht stark», «schwach», «kraftlos», «unwirksam» oder «ungültig». Im Zusammenhang mit einem System der gegenseitigen Risikoüberwälzung, wie es im Fall der IV gedacht war (viele kleine Beträge landen in einem Topf, um wenige grosse Leistungen zu bezahlen), steht es für eine dauerhafte körperliche oder geistige Beeinträchtigung, die so gravierend ist, dass die betroffene Person nicht arbeiten und für sich selber sorgen kann.

 

Permanent bestätigen und unter Beweis stellen

Junge Menschen, denen sehr rasch eine IV-Rente zugesprochen wird, leben im Bewusstsein: Ihr Einkommen und damit ihr materielles Wohlergehen im Leben hängt nicht von einer Arbeit ab, die man liebt und in der man es zu Meisterschaft bringen kann, sondern davon, dass sie ihre Schwäche und Unwirksamkeit in der Welt permanent bestätigen und unter Beweis stellen. Es gilt: Je schwächer und unfähiger, umso besser. Und genau so, wie Junge in der Lebensspanne zwischen 18 und 35 Jahren im Arbeitsleben eine fast unglaubliche Leistungs- und Lernfähigkeit beweisen, geschieht es auch im Fall der «Invalidisierung». Ich kenne einige Personen, die seit sehr jungen Jahren aufgrund psychischer Probleme eine IV-Rente beziehen. Sie haben ihr ganzes Lern- und Leistungspotential darauf verwendet, die richtige Sprache, die richtigen Textbausteine und die richtigen Beschwerden zu erlernen, die ihren Fall untermauern und stabilisieren. Zusammen mit dem modisch-ideologischen und evidenzschwachen Therapie-Tool der «Affirmation», die alles, was der Patient sagt, bejaht und bestätigt, führt das zu immer einfacherem Zugang zu Leistungen. Leistungen aus einer Versicherung, die ursprünglich für den äussersten Notfall einer schweren Beeinträchtigung gedacht war.

 

Hauptanstrengung: sich betäuben

Aber erst eine Frage berührt den innersten Kern der Tragödie: Kennen Sie einen 29jähren IV-Rentner, der seit, sagen wir sieben Jahren eine Rente bezieht, und zufrieden ist im Sinn der Freude an einem freien, erfüllten Leben? Ich kenne keinen. Die mir bekannten Fälle richten ihre Hauptanstrengung darauf, sich zu betäuben: Mit Online-Zockerei, Alkohol und anderen Drogen. Und ich glaube, das ist normal: Wären sie echte Invaliden, dann wären sie für die Leistungen, die ihnen das Leben erleichtern, vor allem eines: dankbar. Weil sie wissen würden, dass sie ohne diese Versicherung auf der Strasse wären.

Wer sich aber das Hirn wegballern muss, um mit seinem Leben als IV-Renter klarzukommen, bei dem drückt der Schuh. Oder das Gewissen, das weiss: Gott hat uns mit den Zehn Geboten nicht nur eine Anleitung zur Freiheit und zur Ermöglichung von zwischenmenschlichem Vertrauen durch diese Schutzklauseln gegeben, sondern auch das Rezept für Zufriedenheit: Begehre nicht, was andere sich erarbeiten, sondern erschaffe es selber. Und zwar ehrlich, in Respekt, Treue und Dankbarkeit. Eine IV-Rente, die zu rasch gesprochen wird, läuft all dem vollkommen zuwider.

Und da liegt die Tragik: Junge Leute, die bereits mit 20 eine IV-Rente erhalten, weil nicht alles so läuft, wie sie es sich vorgestellt haben, mögen das ein paar Jahre lang geniessen. Aber sie werden echte Zufriedenheit nie kennenlernen. Sie werden auf halber Strecke zum Stillstand gebracht. Invalide in einem viel tieferen Sinn. Was für eine Verschwendung von Leben.

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