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von Isabelle Kobe
Jüdische Studenten in Deutschland: Immer mehr haben Angst
Pro-palästinensische Demos, Hörsaalbesetzungen, Protestcamps, offene Anfeindungen bis hin zu tätlichen Angriffen – in den vergangenen drei Jahren haben sich antisemitische Vorfälle an deutschen Unis verdreifacht, die Dunkelziffer ist hoch. Viele jüdische Studenten fühlen sich zunehmend bedroht. Bislang wurde dieser Tatbestand und dessen Auswirkungen auf die Psyche empirisch kaum untersucht.
Forscher der Universität Regensburg und der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin befragten deshalb 320 Studenten in Deutschland, davon 151 mit jüdischer Selbstidentifikation. Untersucht wurden die Themen Stress, Angst, Depressivität und Selbstwert sowie persönlich wahrgenommener Antisemitismus, Sicherheitsgefühl, jüdische Identifikation und Verbundenheit mit Israel.
Antisemitismus stärkt jüdische Identität
Das Ergebnis der Studie: Jüdische Studenten berichteten über signifikant höhere Werte bei den Themen Angst, Depressivität und Stress als ihre nichtjüdischen Kommilitonen, der grösste Unterschied zeigte sich beim Thema Angst. Dabei wurde der wahrgenommene Antisemitismus als wichtigster Faktor genannt.
Die Zahlen zum Sicherheitsempfinden sind deutlich: So schätzten die befragten jüdischen Studenten, dass durchschnittlich 46,5 Prozent der deutschen Bevölkerung negative Einstellungen gegenüber Juden haben. 54,3 Prozent fühlten sich als jüdische Person in Deutschland nicht mehr sicher oder eher nicht sicher. Und gar 86,8 Prozent führten den von ihnen erlebten Anstieg des Antisemitismus auf die Ereignisse am 7. Oktober 2023 und die darauffolgenden gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zurück.
Die jüdische Identifikation der Befragten hat sich dadurch aber nicht etwa geschwächt, sondern ist im letzten Jahr sogar gestiegen – dies ein weiterer bemerkenswerter Befund der Studie. Je stärker die Betroffenen Antisemitismus wahrnahmen, desto stärker beschrieben sie ihre jüdische Identität.
Stabiler Selbstwert trotz erhöhter Belastung
Besonders spannend für die Forscher war die Erkenntnis, dass sich der Selbstwert zwischen jüdischen und nichtjüdischen Studenten nicht unterschied. Irina Jarvers, Kinder- und Jugendpsychiaterin und Leiterin der Studie meint: «Es spricht dafür, dass die erhöhte Belastung nicht auf ein geringeres Selbstwertgefühl zurückgeht, sondern auf die äusseren Bedingungen, unter denen diese Studenten leben und studieren.» Die Studie lege nahe, so Jarvers weiter, dass psychosoziale Beratungsstellen an Hochschulen für identitätsbezogene Belastungen und auch für subtile Formen von Antisemitismus sensibilisiert sein sollten. Der Selbstwert habe eine schützende Funktion. Deshalb könnten Angebote, welche persönliche Ressourcen und Bewältigungsstrategien stärken, einen Teil der Belastung abfedern.
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