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von Monika Hausammann
Ist das noch Marktgeschehen oder schon Betrug?
Die Nachricht: Der Börsengang von Elon Musks SpaceX, tätig in den Bereichen Raumfahrt, Satelliten und künstliche Intelligenz (KI), wird in allen grossen Medien thematisiert. Der Grundton: spektakulär, aber riskant. Der Grund für die Risikoeinschätzung: Die angestrebte Börsenbewertung zum Zeitpunkt des «grössten Börsengangs der Geschichte» liegt irgendwo zwischen 1,25 und 1,75 Billionen (!) Dollar, während das Unternehmen 2025 einen Nettoverlust von circa 4,9 Milliarden Dollar schrieb. Der Trend setzt sich auch 2026 fort mit einem Verlust von 4,3 Milliarden Dollar im ersten Quartal.
Der Kommentar: Es lohnt sich, sich hier vom Einzelereignis loszulösen und die Gesamterzählung ins Auge zu fassen. Die Gesamterzählung ist der KI-Hype – die «vierte industrielle Revolution», die für Unternehmen fast jeder Branche zu extremen Effizienzsteigerungen führen wird. Die Börsengänge von SpaceX, Anthropic und OpenAI, die alle für dieses Jahr vorgesehen sind, sind, so der Tenor, Krönung und Beleg.
Was auch heute noch nicht breit thematisiert wird, obwohl entsprechende Stimmen seit vielen Monaten warnen, ist die Tatsache, dass das Ganze längst eine Art irrationaler Kult ist. Warner werden als KI-Hasser lächerlich gemacht und die Möglichkeit, dass alles nur Schein ist und die Börsengänge bloss das Mittel, um Gewinne mitzunehmen, bevor die schöne Erzählung implodiert und Millionen von Kleininvestoren alles verlieren, wird völlig ausgeblendet.
Falsche Warnehmung von Kunden und Investoren
Denn Tatsache ist und bleibt: Der Hype und die Bewertung der ganzen KI-Giganten, die jetzt an die Börse drängen, basiert auf falschen Kostenwahrnehmungen von Kunden und Investoren. Und zwar deshalb, weil diese Firmen sich – stark vereinfacht gesagt – wie Drogenhändler aufführen, die ihre Kunden «anfixen», in dem sie den Stoff zu Beginn verschenken oder zu sehr kleinen Preisen abgeben. Und erst dann, wenn der Kunde süchtig ist und ohne das Gift nicht mehr leben kann, gehen sie zum Marktpreis über.
Im Fall der KI-Modelle geht das über Token-Billing. KI-Modelle arbeiten nicht mit ganzen Wörtern, sondern mit Token. Ein Token umfasst etwa 1-5 Zeichen. Ein Wort wie «Hallo» benötigt also zwei Token. Ein längerer Satz benötigt zehn bis zwölf Tokens. Lange «Gespräche» oder Dokumente kosten entsprechend mehr. Der Kunde, der Modelle wie Claude oder ChatGPT nutzt, bezahlt pro Million verbrauchter Token. Sowohl Input (Fragen/Aufgaben), wie Output (Antworten/Lösungen) werden abgerechnet.
Die Verschleierung
Hier setzt nun die Verschleierung oder das «Anfixen» ein: Die grossen KI-Firmen bieten ihren Firmenkunden zum Einstieg Pauschalpreise an. Die Kunden können hunderte Millionen von Token verbrennen, ohne mehr zu bezahlen als die vereinbarte Pauschale. Das heisst, die Relation Nutzung-Kosten wird bewusst gekappt und es kann sich bei den Nutzern nie ein Bewusstsein für den Preis ihrer KI-Nutzung bilden. Für die Anbieter, die gigantische Energie-, Wasser- und Infrastrukturkosten (Datencenter) haben, ist es ein Riesen-Verlustgeschäft. Keine der Firmen ist rentabel.
Die Rentabilität sollte dann einsetzen, wenn die Flitterwochen für die Kunden vorbei sind und nicht mehr pauschal, sondern aufgrund der real bezogenen Leistung (Tokens) abgerechnet wird. Die Firma Uber steht dafür exemplarisch:
Uber profitierte von einem Pauschalpreis zur Nutzung von KI-Tools (vor allem Claude) für rund 5000 Ingenieure während der sogenannten Adoptionsphase. 95 Prozent der Ingenieure nutzten die KI sehr intensiv zu einem Bruchteil der realen Kosten – 70 Prozent aller neuen Codes waren KI-generiert. Es wurden Millionen von Tokens verbraucht, für die aber nicht bezahlt werden musste. Als die Firma Anthropic dann auf Kostenwahrheit umstellte, explodierten die Kosten für Uber: Die Firma «verbrannte» ihr gesamtes KI-Budget für 2026 in weniger als vier Monaten und wird laut COO Andrew McDonald wieder «über die Bücher» gehen müssen. Denn: Die Kosten stehen seiner Meinung nach in keinem Verhältnis zum Nutzen. Es gäbe, so McDonald, keine messbaren Ergebnisse – weder Umsatzsteigerungen noch Effizienz.
Im Grunde eine Heilslehre
Hier setzt nun die zweite Erzählung ein: Die Zukunftsversprechen. Obwohl KI de facto für niemanden profitabel ist, müsse man nur lange genug dabei bleiben und genug Geld verbrennen, dann könne diese Revolution alle ihre Versprechen halten, alle Erwartungen übertreffen, alle reich machen und die Welt in ein Paradies verwandeln. Es ist im Grunde eine Heilslehre – Personenkult, Erlösungsversprechen und Ketzerverbrennung inklusive.
Gewinner sind aktuelle nur die Firmen, die aufgrund dieser Erzählung die Infrastruktur liefern, wie beispielsweise Nvidia, oder die jetzt noch an die Börse gehen, bevor sich herumspricht, dass das ganze ein Kartenhaus ist.
Bezahlen werden bei einem Realitätsschock und bei entsprechendem Einbruch der Bewertungen nicht die Politiker und Analysten und Medien, die den Hype nicht hinterfragen, sondern befeuern. Bezahlen wird wie immer der kleine «Nötzli», der via Fonds fürs Alter spart oder selber ein paar Aktien im Depot hat. Nichts Neues unter der Sonne.
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