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von Monika Hausammann

Mensch

Gemeinsamkeiten zwischen Kriegsveteranen und jungen IV-Rentnern

Kriegsveteranen und junge IV-Rentner weisen zwar keine diagnostischen, aber symptomatische Gemeinsamkeiten auf. Die Frage danach, ob und weshalb mitten unter uns und in Friedenszeiten eine «verlorene Generation» entstehen kann, ist berechtigt.

Krieg ist ein Sturm dunkelster Dunkelheit. Unaussprechliche Gewalt, Zerstörung, Schmerzen, Qual, Panik, Bestialität – alles in gnadenloser Gegenwärtigkeit. Es gibt kein Gestern und kein Morgen. Nur das Grauen eines absoluten, finsteren Jetzt. Würfe man sie in Gräben und Trichter der Front einer Bodenoffensive, müssten das auch die begeistertsten Medien- und Politgenerale zugeben, die den «Russen auf dem Schlachtfeld in die Knie zwingen» wollen. Nicht umsonst wird im Zusammenhang mit den grossen Kriegen des letzten Jahrhunderts von «verlorenen Generationen» gesprochen: Für die jungen Männer, die noch nicht in Beruf und eigener Familie verankert waren, sondern direkt ab Schulbank in den Krieg zogen, wurde das Grauen zum Beruf. Wer von ihnen zurückkehrte, taugte oft nicht mehr für die Normalität. Nie mehr.

 

Die Symptomatik ist gut erforscht

Die Symptomatik dieses Nie-mehr ist heute wohlbekannt und gut erforscht. Die körperlichen und psychischen Symptome werden unter dem Begriff «Posttraumatische Belastungsstörung» (PTBS) zusammengefasst. Sie beeinflussen und beeinträchtigen das soziale Leben der Betroffenen oft so stark, dass die Ausübung einer regelmässigen Tätigkeit im Rahmen eines Berufsalltags nicht mehr möglich ist.

An der Kriegsfront sind die Nerven in jeder Sekunde bis zum Zerreissen angespannt. Schliesslich geht es für den Soldaten um das Äusserste. Um Leben und Tod. Intensiveres Leben und Erleben im Augenblick ist kaum möglich: Im nächsten Moment kann jederzeit alles für immer vorbei sein.

Es ist deshalb nur logisch, dass gerade jungen Menschen nach Jahren solcher Einsätze das normale Leben eines Berufs, einer Ausbildung oder einer Ehe belanglos, oberflächlich, schwerfällig, langsam und uninteressant erscheint. Ihr Beruf sind schliesslich Krieg und Tod – unberechenbar, sprunghaft und jederzeit den grössten Einsatz fordernd. Nichts in einem «normalen» Leben der kleinen Schritte und Fortschritte, des Aufbauens und Erschaffens und Dabeibleibens wird je an diese Intensität herankommen. Sie sind selbst unberechenbar und sprunghaft geworden. In permanenter emotionaler Alarmbereitschaft, unfähig, sich länger zu konzentrieren. Oft von Schlafstörungen und Gedächtnislücken geplagt, sind Gereiztheit und Wut immer in Griffnähe. Sie fangen mit hohen Erwartungen etwas an – eine Lehre, einen Job, eine Beziehung –, geben sich voll hinein ... und lassen dann enttäuscht davon ab, wenn sich nicht rasch intensive Freude, Befriedigung, Erfolg einstellen. Das führt zu einem Gefühl der Überforderung, des Nicht-Hineinpassens und zu sozialer Isolation.

 

Andere Ausgangslage, gleiche Symptome

Beim Nachdenken über die wachsende Zahl junger IV-Rentner in der Schweiz und in ganz Europa stellt man fest, dass die Gründe für ihren Rentenbescheid oft einem Symptomkatalog von PTBS gleichen. Diese jungen Leute waren aber nicht im Krieg – es liegt keine schwere Verletzung ihres neurobiologischen Alarmsystems wie bei PTBS vor. Was also kann ähnliche Symptome hervorrufen, wenn Drogen ausgeschlossen werden können? Die Antwort: Das Internet. Zu viel, zu intensive Zeit, die in der künstlichen Wirklichkeit der Hypergegenwärtigkeit und der absoluten, emotionalisierten Oberflächlichkeit der Dopaminschleudern des Netzes verbracht wird, anstatt in der Realität des vergleichsweise langweiligen Wort für Wort und des zähen Schritt für Schritt.

Das gibt zu denken. Und ermutigt zum Handeln.

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