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von Benjamin Scholl
Darwins Grösste Lücke
Charles Darwin, Begründer der klassischen Evolutionstheorie und Vordenker der heutigen Evolutionstheorien, war sich dieser Tatsache bewusst: In der Fossilüberlieferung fehlen zahlreiche Zwischenformen heute lebender und fossiler Taxa (= Gruppen von Lebewesen wie Arten, Gattungen etc.), die man auf Grundlage der Evolutionstheorie erwarten würde. Konkret schrieb Darwin: «Wenn Arten aus anderen Arten durch unmerklich kleine Abstufungen entstanden sind, warum sehen wir nicht überall unzählige Übergangsformen? Warum bietet nicht die ganze Natur ein Gewirr von Formen dar, statt dass die Arten, wie sie sich uns zeigen, wohl begrenzt sind?» (Darwin 1872/2002, S. 189). Letztlich sah Darwin das Fehlen der Übergangsformen in schrittweise angeordneten Evolutionsreihen als vielleicht «gewichtigsten» Einwand gegen seine Theorie an (S. 357).
Um seine Evolutionstheorie dennoch aufrecht zu erhalten, nahm Darwin schliesslich bei der spekulativen Hilfshypothese Zuflucht, dass die uns bekannte Fossilüberlieferung sehr lückenhaft sei. Dies könne entweder daran liegen, dass Fossilien einfach nur unter sehr speziellen Umständen entstehen könnten und daher selten seien – oder dass man bisher zu wenig Fossilien ausgegraben habe (Darwin 1882, S. 365).
Bis heute verweisen Evolutionsbiologen auf diese mutmasslich extreme Lückenhaftigkeit der Fossilüberlieferung. Schliesslich werden circa 600 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte von vielzelligen Lebewesen und deren Vorgeschichte sowie schier unzählige Übergangsformen vorausgesetzt. Somit lautet eine häufige Erklärung der Evolutionsbiologen für die «fehlenden Übergangsglieder» in der Fossilüberlieferung: Der Prozess des Fossilisierens sei einfach ein unglaublich seltenes Ereignis, daher seien viele Übergangsformen nie versteinert worden.
Fast alles fehlt
Um zu beurteilen, wie lückenhaft die Fossilüberlieferung aus Evolutionsperspektive ist, werden zwei Zahlen benötigt: erstens die ungefähre Anzahl an heute bekannten fossilen Arten, und zweitens die Anzahl von Arten, die laut Vorstellung der Evolutionsbiologen im Laufe der Erdgeschichte gelebt haben sollen.
Die zweite Zahl – die evolutionär erwartbaren Arten – muss deutlich über der ersten Zahl – der heutigen Anzahl von Lebewesen – liegen, weil jede systematische Ebene von heute lebenden und fossil bekannten Arten schrittweise (= graduell) durch Übergangsformen miteinander verbunden sein muss. Dies gilt sowohl für alle bekannten Reiche, Stämme, Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten als auch für alle zwischen ihnen bestehenden Lücken (mind. auf genetischer Ebene).
Der Evolutionsbiologe Walter Kleesattel meint: «Man kennt weniger als 200 000 ausgestorbene Arten von einer Gesamtzahl, die wenigstens zehn Millionen, vermutlich aber ein Vielfaches davon, umfasst hat» (Kleesattel 2001, S. 22).
John Alroy schätzt, dass man zum damaligen Zeitpunkt rund 280 000 fossile Arten von Wirbellosen entdeckt hat: «1970 waren etwa 192 000 fossile Arten von Wirbellosen bekannt, und jedes Jahr werden mindestens 3000 weitere Arten benannt» (Alroy 2002, S. 3706). Geht man zurecht davon aus, dass Wirbellose den Grossteil der Tiere darstellen, könnte man ableiten, dass heute – grob geschätzt – etwa 350 000 fossile Spezies von Tieren bekannt sind (vgl. Bechly 2022).
Der weltberühmte Evolutionsbiologe George G. Simpson schätzte die Anzahl der Spezies, die seit Beginn der Evolution diese Erde bevölkert haben sollen, auf 500 Millionen (Spanne von 50 bis 4000 Millionen). André Cailleux ging von 17 bis 860 Millionen aus (nach Teichert 1956, S. 967). Davon wurde aber die überwältigende Mehrheit bis heute nicht gefunden, sodass «fossil nicht überlieferte Lebensräume» in grosser Zahl angenommen werden müssen – das sind Lebensräume in der Erdvergangenheit, aus denen keine Fossilien überliefert worden sind.
Legt man als mittleren Schätzwert circa 500 Millionen postulierte Spezies in der Evolutionsgeschichte insgesamt und etwa 350 000 fossil bekannte Arten zugrunde, würde dies bedeuten, dass immer noch fast 500 Millionen Spezies seit Beginn ihres evolutionären Auftretens in «fossil nicht überlieferten Lebensräumen» existiert haben müssten. Dies beträfe über 99,93 Prozent aller fossilen Arten.
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