Die westliche Kultur ist Sinnbild für Freiheit, Menschenwürde und Wohlstand. Der Anthropologe Joseph Henrich erforscht deren Gründe. Seine interessanten Ergebnisse gibt es nun in Buchform.
Pfr. Michael Freiburghaus
24. Mai 2026

Es ist unbestritten: Während Jahrhunderten dominierten der Westen und die westliche Kultur die Welt im positiven Sinne. Menschenwürde, Freiheit, Demokratie und Wohlstand sind nur einige dieser segensreichen Auswirkungen. Was ist der Grund dieser kulturellen Überlegenheit? Was ist das Geheimnis des Westens? Das ist das Spezialgebiet von Joseph Henrich (Jg. 1968), Anthropologe an der Harvard University. Mit säkularem Hintergrund forscht er zur Frage, warum und wie der Westen reich und erfolgreich geworden ist. Dafür verwendet er das englische Apronym1 WEIRD («sonderbar») mit den fünf Schlüsselbegriffen western (westlich), educated (gebildet), industrialized (industrialisiert), rich (wohlhabend) und democratic (demokratisch).

Das veränderte alles

In seinem 900-seitigen Mammutwerk lautet Henrichs Grundthese, dass die katholische Kirche mit ihrem Ehe- und Familienprogramm ganz Europa positiv veränderte. Dieses Programm umfasst die Verbote von Inzest (Blutsverwandten-Ehe), der Levirats-Ehe (Schwager-Ehe), der Polygamie (Mehr-Ehe), von Bordellen, der Heirat mit Nichtchristen und weiteres mehr (vgl. S. 237). Überaus wichtig: Das Verbot der Cousinen-Ehe (Vettern-Ehe) hat nach Henrichs über die Jahrhunderte hinweg das Clandenken in Europa abgeschafft, das in fast allen anderen Kulturen und im Islam noch heute vorherrschend ist. Für den Forscher ist die Ehe die «wichtigste Institution» im menschlichen Leben (S. 111). Die Kirche hat das Verbot der Cousinen-Ehe im Laufe der Zeit sukzessive bis zum sechsten Verwandtschaftsgrad ausgeweitet: Ein Paar durfte nicht heiraten, wenn es eines der 128 Urururur­urgrosseltern gemeinsam hatte! Dies zwang die mittelalterlichen Menschen dazu, ihren Heimatort zu verlassen, um einen passenden Ehepartner zu finden, der nicht mit ihnen verwandt war.

Das Hauptproblem des Clandenkens erkennt der Anthropologe in der Angst vor fremden Personen sowie mangelndem Vertrauen ihnen gegenüber: «Je höher der […] Vetternehe-Wert eines Landes ist, desto mehr misstrauen die Menschen Fremden, neuen Bekanntschaften und Anhängern anderer Religionen» (S. 290). Henrich entfaltet in seinem umfassenden Werk seine fünf Grundannahmen sehr ausführlich. Anhand der Bibel nehmen wir das Fundament dieser fünf Entwicklungen in den Blick.

Obwohl wir im Alten Testament mehrere Geschichten finden, die von Polygamie (Mehr-Ehen) und der damit einhergehenden Eifersucht handeln (vgl. 5. Mose 21,15, 1. Sam. 1,2), sprechen sich sowohl Jesus als auch der Apostel Paulus klar für die Monogamie (Ein-Ehe) aus (Matth. 19,6, 1. Tim. 3,2.12, Tit. 1,6). Darüber hinaus sehen wir auch im Alten Testament an Männern wie Jakob oder König David beispielhaft, dass Gott die Mehr-Ehe zwar geduldet hatte, dass darauf aber kein Segen lag und es auch nicht seinem Willen entsprach (vgl. 1. Mose 2,24).

Henrich beschreibt die Trostlosigkeit sowie die erhöhte Kriminalitätsrate, wenn die wohlhabendsten Männer einer Gesellschaft mehrere Frauen heiraten dürfen, die weniger verdienenden Männer hingegen keine Gattin abbekommen: Sie «werden dann zu einem gesellschaftlichen Problem, da sie dem Verbrechen, der Gewalt und den Drogen verfallen, statt zu heiraten und zuverlässige, hart arbeitende Familienväter zu werden» (S. 356). Die monogame Ehe hat die europäischen Männer im positiven Sinne gezähmt, weil die Kirche rigoros Sexualität vor der Ehe und Polygamie verboten hatte (vgl. S. 391). Meine eigene Ehe erlebe ich einerseits als Gottes schöne Gabe, andererseits als Aufgabe und Charakterschule, die mich lehrt, Jesus ganz zu vertrauen und mein Liebesbedürfnis zuerst von Gott stillen zu lassen.

Durch die Auflösung der engen Clanstrukturen in Europa entstanden viele unterschiedliche Gemeinschaften von Menschen, die miteinander nicht verwandt waren. Die mittelalterlichen Menschen schlossen sich zusammen in «Städten, Zünften und Gilden, Universitäten, Klöstern, wissenschaftlichen Vereinigungen und schliesslich [in] den Territorialstaaten» (S. 555). Dieser «unerbittliche Wettbewerb zwischen freiwilligen Zusammenschlüssen» führte zu vielen technischen und geisteswissenschaftlichen Innovationen, von denen wir noch heute profitieren. Beispiele sind die Dampfmaschine oder die grundsätzliche Offenheit und Ehrlichkeit fremden Menschen gegenüber.

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